Conard, Julius: Der Gebrandmarkte. V1 [German] 1.9.2026
»Alphons, Alphons!« rief sie, indem sie sich aufraffte, »Du bist bei mir? sprich, sprich!« fuhr sie leidenschaftlich fort, indem sie sich und auch ihn betrachtete, »lebe ich — lebst Du? oder sind wir im Tode vereint? sprich, mein Geliebter, wo sind wir, im Paradiese oder in der Hölle? — es ist mir gleichgiltig.«
»Wo Du Engel weilst, kann nur der Himmel sein; ja, Du lebst, Du athmest wieder, Geliebte; ich rettete Dich, Dich mein theures Kleinod, welches ich todt wähnte!«
(Aus dem 4. Kapitel, "Die schwarze Höhle")
Julius Conard: Der Gebrandmarkte oder Die Todesbrücke von Alcantara. 2 Bde. 1864. 960 Seiten.
Hochromantische Historien-Kolportage, angesiedelt in Spanien zu Zeiten der napoleonischen Eroberung und deren Nachgeschichte (1808 bis in die 1820er Jahre), jedoch mit ausführlichen Rückblenden in die Zeit der französischen Revolution, bei denen sogar St. Just persönlich auftritt; am Ende befinden wir uns in Mexiko — insgesamt eine der seltsamsten Piecen, die ich je in Arbeit hatte… (Ich empfehle vor Antritt einer etwaigen Lektüre einen Blick in den Spoiler, besonders die Anmerkungen ** und *** … damit es nachher keine Klagen gibt…)
Spoiler:
Es zeigt sich, dass nicht nur die in der Epoche der Restauration blühende Gattung des "historical trash"* (siehe "Wanda" oder "Boja") den Einschnitt der Revolution von 1848 unbeschadet überstanden hat, sondern es feiert zugleich, unterfüttert allerdings mit dem Genre des Feuilleton-Romans à la Eugène Sue, auch die gothic novel fröhliche Urständ: neben der 'Todesbrücke' gibt es altertümliche Schlösser, schauerliche Höhlen, geheime unterirdische Gänge und Verliese, teuflische Charaktere, gespensterhafte Erscheinungen, einen Fluch der Blutschuld aus der Vergangenheit, jesuitische Machenschaften u.dgl. mehr; und das Ganze dann noch vor dem Hintergrund des Einfalls der napoleonischen Truppen in Spanien, des Befreiungskampfes der Iberer sowie der anschließenden Anarchie. - Und so liegt die eigentliche Qualität — wenn der Autor sie bloß durchgehalten hätte! — dieses wendungs-, episoden- und ellipsenreichen** Romans weniger in seiner halbexotischen Buntheit und der spannenden Entwicklung einer komplexen Intrige, sondern vor allem in der geschickten und kundigen Einbettung in die o.g. historische Epoche.
Mit der weiblichen Protagonistin, Julia de Alcantara, tritt übrigens dem Leser eine unerschrockene, tatkräftige und intelligente Persönlichkeit entgegen, die keineswegs gewillt ist, anderen die Verfügungsgewalt über sich zu gestatten: Ann Radcliffe wäre stolz auf sie gewesen. – Leider entschwindet Julia in der zweiten Hälfte des Romans fast ganz aus dem erzählerischen Blickfeld.
__________________________ * Aus dieser Tradition stammt auch die Gewohnheit, in der Titulatur reißerische Begriffe bzw. Namen zu verwenden, deren Träger dann im Text selbst gar keine konstitutive Rolle spielen, wie hier: der Gebrandmarkte, der mehr nur Nebenfigur und plakative Staffage ist. (Siehe "Boja das schöne Räubermädchen".) – Dasselbe gilt auch für den Untertitel: die ›Todesbrücke‹ von Alcantara gibt nur in einigen Szenen der ersten Hälfte den Hintergrund, hat aber keinerlei tragende Bedeutung. ** Diese schon nach dem ersten Drittel beginnenden Ellipsen mehren sich in der zweiten Hälfte, und dies in durchaus unerlaubtem Umfang; dem Autor fällt es anscheinend zunehmend schwer, aus dem ursprünglichen Handlungsgeflecht genügend weitere Seiten zu generieren (oder: zu ›schinden‹), so dass, um auf den gewünschten Romanumfang zu kommen, nicht nur neue Figuren mit ›Seitenhandlungen‹ erfunden, sondern auch kleine, anekdotenartige Geschichten sowie geradezu expositorische Exkurse*** eingefügt werden müssen, die weder mit der Haupthandlung das Geringste zu tun haben, noch in ihrer Veranlassung, überhaupt erzählt zu werden, irgend eine Plausibilität aufweisen. Ich kann mich (auch aus Stilgründen) des Verdachts nicht erwehren, dass diese Passagen von fremden Federn stammen. — Zur Strategie der Seitenvermehrung passt des weiteren, dass auch die Absätze in der zweiten Hälfte immer kleiner werden. — Das gesamte Verfahren muss den zeitgenössischen Leser, wenn er die Bände erworben oder aus der Leihbibliothek kostenpflichtig entliehen hat, maßlos geärgert haben. *** Da geht es um Aberglauben, Astrologie, Hexenverfolgung, historische Aufstandsbewegungen, Kartenspiel, die Entstehung des Reklamerummels u.dgl. mehr. Gegen Ende des Romans wird dann noch eine Sammlung von pseudohistorischen Fabeleien über Ibiza vorgetragen; es versteht sich, dass diese allenfalls zeigen, was man sich vor 160 Jahren über die Balearen so zusammengereimt hat.
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Da Julius Conard literarhistorisch ein unbeschriebenes Blatt ist, folgt ein Auszug aus dem ›Brümmer‹:
Conard, Julius, pseud. Friedrich Helm und Theodor Burkart, * am 9. September 1821 zu Königsberg i. Pr. als der Sohn eines Geistlichen, erhielt seine Vorbildung auf dem dortigen Altstädtischen Gymnasium u. bezog 1840 die Universität daselbst, um Medizin zu studieren. Bald ging er nach Berlin, wo er zur philosophischen Fakultät übertrat u. sich den historischen u. philologischen Wissenschaften zuwandte. Da er schon im 15. Jahre seinen Vater verloren hatte und gänzlich auf sich selbst angewiesen war, blieb ihm ein schweres Ringen um seine Existenz nicht erspart, u. die schon frühe sich äußernde Neigung zu poetischem Schaffen wurde unter den Sorgen des Lebens in ihrer Entwicklung gehemmt. Um seine Lage zu verbessern, ging er an das damals noch glänzend bestehende Königstädtische Theater, das für die italienische Oper Chorsänger verlangte, übernahm auch gleichzeitig einige Partien im Schauspiel. Nach neun Monaten winkte ihm ein Engagement am Hoftheater in Hannover; indessen ein innerer Drang, sowie der Einfluß des Professors Hotho führten ihn wieder den Studien zu. Nach Beendigung derselben wirkte er fünf Jahre lang als Hauslehrer u. begann dann seine schriftstellerische Tätigkeit. Sein Lieblingswunsch, sich als Dozent an der Universität Königsberg habilitieren zu können, scheiterte an den unzureichenden Existenzmitteln, u. so ließ sich C. in Berlin dauernd als Schriftsteller nieder. Er war ein geschätzter Mitarbeiter der größten Berliner Zeitungen, sowie der von Gutzkow und Robert Prutz geleiteten Zeitschriften, redigierte kurze Zeit die »Gerichtszeitung« und wandte sich seit 1859 ganz der belletristischen Prosa zu. Gegen das Ende d. J. 1869 hatte er das Unglück, innerhalb dreier Tage am grünen Star fast völlig zu erblinden, u. erst nach einem Jahre schweren Leidens konnte er seine literarische Tätigkeit wieder aufnehmen. Leider war diese Besserung nicht von Dauer, so daß der Dichter schließlich doch noch gänzlicher Erblindung anheimfiel. Jm Jahre 1893 traf ihn ein noch schwererer Verlust: seine Gattin, die ihm in seiner Hilflosigkeit und bei seinen literarischen Arbeiten eine treue Helferin gewesen, wurde ihm durch den Tod entrissen. Am 4. Juli 1901 folgte er ihr im Tode nach.
(Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 1. 6. Aufl. Leipzig, 1913. S. 434.)
Text generiert qua eigenen OCRs aus den GoogleBooks-PDF-Fraktur-Scans; Lautstand wie bescheert, evidente Druckfehler berichtigt, orthographische Streuung beibehalten, Eigennamen möglichst egalisiert usw. - Das Cover verwendet eine vor 1860 entstandene Darstellung der ›Brücke von Alcantara‹.
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