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Old 02-10-2018, 05:09 PM   #1
doubleshuffle
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Mauthner, Fritz: Totengespräche (German), v1, 10 Feb 2018

Also - manchmal entsteht das Gück des Buchuploaders so: Man ackert sich mit großer Freude durch ein von Gustav Landauer übersetztes Buch, schaut dann mal, was es von dem noch so gibt, stößt dabei u.a. auf "Versuche im Anschluß an Mauthners Sprachkritik" und erinnert sich, dass Mauthner doch der war, von dem man schon immer mal etwas, aber dann immer abgeschreckt war von der Vielbändigkeit seiner Werke über Atheismus, Philosophie, Sprachkritik... und sucht nach etwas Kleinem für den Anfang. Und dann stößt man auf die Totengespräche, kleine satirisch-philosophische Miniaturen über z.B. Goethe, Nietzsche, Gottfried Keller, Fontane, Philosophenkongresse, das Urheberrecht - und sie sind alle so intelligent und heiter und spöttisch und weise und deshalb muss man sofort ein eBook draus machen, und dann kommt das auch noch supersauber aus der OCR raus und geht alles ganz von selbst und der Buchuploader ist im Glück.

Aber überzeugen Sie sich selbst:

Spoiler:
Dass der Vater Homeros blind gewesen sei. das ist bekanntlich eine gelehrte Erfindung. Dass er aber schon bei Lebzeiten gern und gründlich geschlafen habe, wenn er müde war vom Schauen, das ist die Wahrheit. Seitdem er nun in die Gefilde der Seligen gekommen war, seit mehr als dritthalbtausend Jahren also, nahm mit dem Alter und der Fülle der Gesichte seine Müdigkeit zu. Jedesmal, wenn am ersten Mai eines neuen Jahrhunderts die Märchenbäume in den Gefilden der Seligen erblühten, erwachte er für einige Stunden, hielt Umschau über die himmlischen Heerscharen und über die grünende Erde und sang ein altes Lied zum Preise des Lebens. Dann legte er sich wieder hin und verschlief ein Jahrhundert. Und der Traum von hundert Jahren war ihm wie ein Tag. Weltfeiertag war’s, so oft Vater Homeros erwachte.
Weltfeiertag war’s, als er am 1. Mai 1901 die sonnenhaften Augen abermals aufschlug. Die Dichter und Sänger aller Zeiten bildeten einen weiten Kreis um ihn, und am nächsten umdrängten ihn, die erst seit kurzem da waren und seine Augen noch nicht offen gesehen hatten. Anzengruber und Gottfried Keller prügelten einander vor Freude und Uebermut. Goethe fiel auf die Knie und legte dem Aeltervater seine Hände unter die Füsse. „Mein liebes Kind!“ sagte Vater Homeros leise. Die Himmel erglänzten, und man wusste nicht, ob der Glanz von den jubilierenden Engeln herkam oder von den Augen des Vaters Homeros. Es schimmerte nur so hinüber und herüber.
„Was gibt’s denn neues seit gestern?“ fragte endlich Homeros und nahm einen Schluck firnen Weines.
Alle erzählten durcheinander, was in vielbändigen Werken über die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts zu lesen ist. Vater Homeros lauschte. Kriege und wieder Kriege. Neue Erfindungen. Eisenbahn. Telephon. Darwinismus. Bismarck. Lord Byron stellte sich vor. Er habe an dem Befreiungskriege der Hellenen teilgenommen und sei der Sänger des Weltschmerzes.
„Ganz nett, ganz nett!“ sagte Vater Homeros lächelnd. „Also alles schon dagewesen. Also nicht viel neues seit gestern. Und die Sänger und Dichter? Stehen sie noch in Ehren auf der lieben maigrünen Menschenerde?“
Bevor Goethe noch antworten konnte, und bevor Homeros noch das spöttische Lächeln des bescheidenen Theodor Fontane wahrnahm, erscholl tausendstimmig der Ruf der namenlosen Schreiberlein:
„Das neue Urheberrecht!“
„Was ist das für ein barbarisches Wort?“ fragte Vater Homeros verwundert.
Ein namenloses Schreiberlein übernahm die Antwort. „Insofern und insoweit nämlich, verehrter Herr Präsident, wir ein geistiges Eigentum besitzen an den Schöpfungen unseres Talents, insofern und insoweit sind wir nicht Dichter oder Sänger, sondern die Urheber unserer Werke, und unsere Familien verdienen Geld auf Grund des Urheberrechts.“
„Geld? Verstehe ich auch nicht recht. Lohn etwa? Hm! Aber ich bin doch kein Urheber gewesen!“
Ein Lateinischer, der vor einigen hundert Jahren sein bisschen Leben der Erklärung der Odyssee gewidmet hatte, wollte vermitteln. Das Wort Urheber stamme von den Juristen her, von den Händelschreibern; es bedeute aber soviel wie Autor oder Literat.
„Ich bin doch kein Autor gewesen! Kein Literat!“
Sophokles nahm das Wort. „Sie sind keine Griechen, lieber Papa! Unter Urheber, Autor, Literat verstehen sie einen Poeten. Der Name wird dir besser gefallen.“
„Aber, Menschenskind,“ sprach Vater Homeros kopfschüttelnd, „Poet hiess zu meiner Erdenzeit soviel wie Macher. Es war ein Ekelname. Wir anderen nannten uns Sänger. Na, einerlei. Machen denn die Macher bessere Gedichte, seitdem sie das Ding da haben, das Urheberrecht? Seitdem sie Geld verdienen?“
Die um Goethe lachten. Tausendstimmig jedoch schrieen die namenlosen Schreiberlein dazwischen: „Darauf kommt es nicht mehr an! Tantiemen! Standesinteressen! Von der Ehre kann man nicht leben! Nieder mit den Ausbeutern!“
Vater Homeros blickte fragend umher. „Wen meinen die Namenlosen mit den Ausbeutern? Doch nicht etwa die guten Menschen, die wir beglücken mit unserem Singen und Sagen?“
„Das ist allmählich so gekommen,“ erwiderte Goethe gelassen. „Mehr und mehr Menschen sind eingetreten in die Kaste der Poeten. Wunderliche Heilige, die zum Lohne mehr verlangten als den besten Becher Weines. Sind viele Handelsleute darunter. Die paar wirklichen Sänger und Dichter machen nur eben so mit.“
„Wahr ist’s,“ sagte Lessing und trat vor, „nicht einen einzigen guten Vers kann das Urheberrecht schaffen helfen. Krämer haben es durchgesetzt. Aber schliesslich haben sie es auch für die Besten durchgesetzt. Was war das noch in meinen Tagen für eine Erniedrigung! Im Dienste der Reichen stand der Dichter, wie ein Porträtmaler. Auch ich stand auf dem Markte, und niemand wollte mich dingen. Jetzt kann das neue Recht Freiheit und Unabhängigkeit bringen. Die Kollegen da unten können Stolz zeigen, wenn sie Stolz haben.“
„Und dann,“ murmelte Franz Schubert wehmütig lächelnd, „ich litt Not da unten. Nicht dass ich klagen wollte. Auch Not ist eine menschlich schöne Erinnerung an die grüne Erde. Jetzt, wo’s vorüber ist. Doch damals — mir ist, als hätte es weh getan.“
„So so, ja ja, ich bin ein alter Mann. Ich habe immer geglaubt, als Sänger könne man immer stolz sein, als Sänger brauche man niemals Not zu leiden, inwendig, im lieben Herzen. Na, immerhin, und wer hat denn das schöne neue Gesetz gemacht?“ Nur Goethe bemerkte, wie es schalkhaft aus den sonnenhaften Augen des Vaters blitzte. Tausendstimmig antworteten die namenlosen Schreiberlein: „Die Mehrheit! Die allweise Mehrheit! Es lebe die Mehrheit!“
„Wieder so ein neues barbarisches Wort,“ sagte Vater Homeros und liess sich bedeuten, dass in der Reichsversammlung nicht die weiseste Meinung obsiege, sondern die Meinung, welche zufällig die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinige. Dass in der Reichsversammlung nicht die weisesten Männer beisammen sitzen, sondern die, welche von der Mehrheit ihrer Stadtgenossen gewählt wurden. Und am ersten April sei gar eine Mehrheit für den weitesten Antrag zustande gekommen: die Werke der Dichter und Sänger sollten nicht für dreissig, nicht für fünfzig Jahre, nach dem Tode des Schöpfers sollten sie für ewige Zeiten vor dem genusssüchtigen Volke geschützt bleiben. Zuerst zugunsten der Erben und nachher zugunsten eines ungeheueren internationalen Vereins der namenlosen Schreiberlein.
„Ei gut, ei schön,“ sagte Vater Homeros und nahm wieder einen Schluck firnen Weines. „Das verstehe ich recht wohl. Da wird also der ärmste Mann aus dem Volke steuern müssen für das Schatzhaus der namenlosen Schreiberlein. Ei gut, ei schön. Wenn ihr aber nach Annahme dieses Dings da, des Urheberrechts, etwa noch einmal auf der maigrünen Erde lebtet, mein stolzer Lessing, mein armer Franz Schubert, dann würde es euch ja gar nicht besser gehen wie vorher. So lange ihr lebtet nämlich. Denn die Mehrheit, weil sie zu so ungemessenem Ansehen gelangt ist, würde euch noch mehr Erniedrigung und Not leiden lassen als einst. Und das Dings da, das Urheberrecht, würde wieder erst nach euerem irdischen Tode wichtig, und ihr könntet euch wieder keinen Becher Wein bezahlen. So scheint mir das Dings da für die allerbesten Dichter und Sänger nicht den Wert zu besitzen, den ihr ihm beilegt. Ich frage also noch einmal, ob man jetzt da unten schöner singen und sagen wird.“
Richard Wagner, dem das ganze Gespräch wegen Familienrücksichten unangenehm war, unterbrach. Es sei Weltfeiertag, er habe das Fachsimpeln satt. Man solle den Dichterkomponisten Homeros lieber mit Kunst erfreuen. Mit etwas Schönem. Da der Parsifal ein Monopol seiner Witwe sei, so werde er das Scherzo aus Beethovens neunter Symphonie dirigieren. Oder das Alegretto aus der siebenten.
Schon wimmelten die himmlischen Heerscharen an ihren Pulten, schon hatte Wagner den himmlischen Welttaktstock erhoben, da entstand ein Murren unter den namenlosen Schreiberlein.
„Erst bezahlen! Das Urheberrecht gilt auch in den Gefilden der Seligen. Erst bezahlen! Und dann abstimmen, was gespielt werden soll!“
Unter den namenlosen Schreiberlein waren nämlich einige Agenten des internationalen Vereins für Wahrung des Urheberrechts.
Die seligen Dichter und Sänger wurden verlegen. Niemand von ihnen hatte einen Pfennig Geld. Da wandte sich Vater Homeros bittenderweise an den Herrn. Der Herr schenkte freundlich die beiden goldenen Schüsselchen, auf die er eben einen Regenbogen stellen wollte.
„Her damit!“ schrieen die Agenten des Urheberrechts. „Und jetzt zur Abstimmung darüber, was gespielt werden soll!“
Nach Mehrheitsbeschluss kam nicht das Scherzo aus der neunten Symphonie zur Aufführung, auch nicht das Alegretto aus der siebenten; sondern „Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion.“
Da lachte der Herr, der einen neuen Regenbogen aufzubauen angefangen hatte, und es lachte der Vater Homeros.


Es gibt wieder eine Fassung mit und eine ohne ("nopg") die Seitenzahlen der Druckausgabe.

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