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Old 08-01-2026, 10:04 AM   #1
brucewelch
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Trolopp, Francis: Londoner Mysterien. V1 [German] 1.8.2026

"Londoner Mysterien" (1844/45) von ›Sir Francis Trolopp‹, ›Pendant zu den »Pariser Mysterien«, von Eugen Sue‹, wie es auf der deutschen Titelseite heißt, wurde verfasst von dem französischen Schriftsteller Paul Féval — als antibritisches revanchistisches Pamphlet in Form eines Kolportageromans.

Spoiler:
"Les Mystères de Londres" erschien, nach Anordnung des Verlegers unter dem Pseudonym ›Sir Francis Trolopp‹, zuerst als Fortsetzungsroman in der Zeitung "Le Courrier français", Dezember 1843 bis September 1844, dann 1844 in 11 Bänden als Buchausgabe. Der Franzose Paul Féval sah sich also gezwungen, in die Rolle eines englischen Autors zu schlüpfen, begann jedoch diesen Roman, ohne je in England gewesen zu sein. Erst während des Schreibens unternahm er eine Reise dorthin, auf der er zunehmend einem (im Roman allenthalben spürbaren und der fiktiven Rolle des englischen Autors zu oft eklatant widersprechenden) regelrechten Englandhass erlag, so dass seine Beschreibungen der gesellschaftlichen Missstände Londons eigentlich nur den apologetischen Zweck verfolgen, dem französischen Leser die Überlegenheit der politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Verhältnisse seines Heimatlandes zu verifizieren.
Im Gegensatz zu Eugène Sues "Geheimnissen von Paris" lässt das in seiner Moral verlogene Werk des politisch konservativen Féval kein echtes soziales Engagement erkennen, so dass die Figuren aus der Unterschicht nur Staffage sind ohne überzeugendes Eigenleben. Zudem ist die Figur von Ismael Spencer samt seinen Konsorten zutiefst mit abstoßenden antisemitischen Anschauungen durchtränkt. Dass ansonsten in der gesamten, vor keiner Drastik zurückweichenden Darstellung heillose Zeilenschinderei triumphiert, dass Seite um Seite Redundanz herrscht und die Handlungsentwicklung immer wieder auf der Stelle tritt, darf ebenso wenig unerwähnt bleiben wie der Befund, dass auch die von zwei Mitarbeitern verfertigte Übersetzung stilistisch kaum mehr als Konfektionsware untersten Mittelmaßes darstellt (Tafel, der ca. Zweidrittel übersetzt hat, ist immerhin etwas besser als Moosthal). Die Veröffentlichung im selben Jahr wie das frz. Original (möglicherweise schon während des frz. Zeitschriften-Vorabdruck verfertigt?) bedeutet schließlich angesichts des Umfangs, dass nur mit geradezu glühenden Nadeln gestrickt worden sein kann, was nicht zuletzt in der weitgehenden Verwahrlosung des Drucks seinen Ausdruck fand.—

Trotz alledem darf und muss man diesem insgesamt eher ärgerlichen Kolportageroman attestieren, dass man ihn auch heute noch der vergnüglichsten Schmökerei unterziehen kann … und ja: es gibt auch in diesem durchaus verwerflichen Machwerk einige 'Perlen der Erzählkunst': So ist z.B. die von Susannah ihrem Geliebten Brian erzählte Lebensgeschichte ein sehr gelungener epischer Schachzug, und darin wieder ragen die Kapitel "Debt’sgate" und der Anfang von "The launch into eternity", welche in allen Einzelheiten die (scheinbare) Hinrichtung von Ismail Spencer aus der Sicht der (vermeintlichen) Tochter schildert, in ihrer Mischung aus sachlicher Präzision und emotionaler Betroffenheit positiv hervor. Auch das Kapitel "Finsterniß" mit der in Dunkelheit eingeschlossenen Clary, die zu medizinischen Experimenten missbraucht wird, ferner die Kapitel "Orgien" und "Der Hexensabbath" verdienen Anerkennung - nota bene: im Rahmen des Genres.

Neben dieser Nachahmung der "Geheimnisse von Paris" gab es übrigens in den 1840er Jahren eine ganze Flut weiterer Erzeugnisse dieses Typus (Geheimnisse bzw. Mysterien … von Berlin, Königsberg, Wien, Hamburg, Amsterdam, Brüssel, Pest, ja sogar Altenburg und Laibach, — manche gar mehrfach und zumeist in zahlreichen Bänden).

Ein Hinweis zur Bandaufteilung in der deutschen Übersetzung: hier ist das zweite Buch des frz. Originals (Livre*2: Deuxième Partie. La fille du pendu.[Die Tochter des Gehängten]) nicht vorhanden; die betreffenden Kapitel sind dem ersten Buch zugeschlagen. Die Zählung wird erst mit dem französischen dritten Buch (La Grande Famille) als »Zweites Buch. Die große Familie« fortgeführt; und die Kapitel des französischen vierten Buches (Le Marquis de Rio Santo) sind wiederum jenem zugeschlagen. Ferner folgt die Kapitelzählung nicht der ›Buch‹einteilung, sondern der Einteilung in die sechs Bände der deutschen Ausgabe — dieses an sich unlogische Verfahren lässt sich auch in anderen zeitgenössischen deutschen Drucken beobachten.
Die in jener Zeit üblichen Inkonsistenzen in der Orthographie sind, sofern es sich nicht um evidente Druckfehler handelte, beibehalten; bei einigen Eigennamen war jedoch Hand anzulegen: gemäß dem frz. Original wurden "Patterson" zu "Paterson", "Stephan" oder gar "Steffen" zu "Stephen", "Lancaster" zu "Lancester", "Gevres" bzw. "Gesvres" zu "Gèvres", "Glascow" zu "Glasgow" und "Susanna" zu "Susannah" egalisiert. Die durchweg falsche Schreibung des englischen Adelstitel Vicount wurde zu Viscount korrigiert.

Das Cover beruht auf einer Illustration von Georges Auguste Vallée, welche das Frontispiz der frz. Ausgabe bei H. Geoffroy (1900/01) bildete; es zeigt, wie 'Tyrell' Susannah daran hindert, in die Themse zu springen (Buch 1, Kapitel 1: die Stelle ist in den ›editorischen Hinweisen‹ verlinkt). - Der Text wurde generiert durch eigenes OCR der sechs (GoogleBooks-)Bände der deutschen Ausgabe von 1844/45 &c. Dabei waren insg. 1564 Seiten zu verarbeiten. - Zwecks kompensativer 'Bibliophilierung' des niederträchtigen Inhalts sind Schriften eingebettet…
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