doubleshuffle hat hier in einem anderen Anhang schon die richtigen Worte gefunden zu einem gewissen
eBook-Flutungsproblem (für das es, wie für vieles im digitalen Bereich keine ›Rückhaltebecken‹ gibt), er schrieb - sinngemäß: hier dürfe natürlich jeder machen, was er wolle.
Nun ist es ja so, dass das, was jemand
will, nicht unbedingt das ist, was tatsächlich
gebraucht wird.
Wer wird aber in besagter Flut jedesmal prüfen wollen, ob diese Notwendigkeit tatsächlich besteht?
In einem Fall, bei dem ich selbst ›ursprünglich‹ Hand angelegt hatte (
Contessas "Sämtliche Erzählungen"), habe ich mir die Sache einmal angeschaut und bin zu dem Schluss gekommen, dass der betreffende neue Upload deutlich weniger Informationen enthält als die seinerzeit von
Hokuskopus hochgeladene Datei und in der dargebotenen Form eigentlich überflüssig ist.
Dies erhielt Zustimmung von anderen MR-Mitgliedern.
Darauf erfolgte diese Antwort:
Quote:
Originally Posted by Pilinstan
Sie sind sich alle einig offenbar. Nun, es sei so!
Aber ich habe das Werk von Hokuspokus (Mensch, ich liebe ihre Stimme ) nochmals verglichen mit meiner Arbeit und ich finde es altmodisch und sehr datiert. Es war bestimmt eine gute Arbeit in 2013, aber jetzt geht so etwas nicht mehr. Das vollständige (brucewelch !!) Inhaltverzeichnis ist unordentlich und völlig überflüssig für moderne E-reader. Das Aussehen mit diesen 'Verzierungen' sogar hässlich heutzutage. Und noch hässlicher für Leser die weiss auf schwarz lesen.
Ausserdem ist es wegen dieser 'Verzierungen' auch noch mehr als 400 Kb grösser.
Ich wollte anderen eine Freude machen mit meiner Arbeit, aber offenbar bin ich nicht auf dem richtigen Platz. Ich werde Euch alle nicht mehr belästigen mit meiner amateurhaften Arbeit.
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Ah ja: "
altmodisch und sehr datiert", "
jetzt geht so etwas nicht mehr", "
sogar hässlich heutzutage". Hier spricht im vollen Brustton der Überzeugung jemand, der offenbar Herr über alle denkbaren ästhetischen Kriterien ist.
Allerdings muss man hinzufügen, dass wir einen solchen Ton in Bezug auf eBooks anderer MR-Mitglieder hier noch nicht vernahmen, einschließlich der Apostrophierung von Einwänden anderer als "
Blödsinn". Aber da gibt es ja zweifellos Parallelen zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.
Besonders interessant ist die Beckmesserei im Hinblick auf das Inhaltsverzeichnis: es wird als "
unordentlich und völlig überflüssig für moderne E-reader" bezeichnet. Beides wird (und ist) nicht begründet, und den Vorwurf "
unordentlich" wird jeder, der das Verzeichnis am eReader benutzt, auch nur als nicht begründbar zurückweisen. Dass html-Inhaltsverzeichnisse grundsätzlich für moderne eReader "
überflüssig" sein sollen, scheint auch der gängigen Praxis zu widersprechen; man braucht sich ja nur die Meisterwerke von "
pynch" anzuschauen, um zu erkennen, wie hilfreich sie sind. -- Den Kritikpunkt "
Ausserdem ist es wegen dieser 'Verzierungen' auch noch mehr als 400 Kb grösser." (sic!) kann man angesichts der Speicherausstattung "moderner eReader" vollends vernachlässigen.
Was bei der "Modernisierung" herauskommt, wenn dem Produkt der Sinn für das Wesen des Textes fehlt, trat mir vor Augen, als ich in den sog.
"Gesammelten Werken" von Dauthendey auf "
Die geflügelte Erde" stieß; diesen Text hatte ich einst (und ich darf sagen: in liebevoller Mühe) entziffert und
als einzelnes eBook in MR eingestellt. - Ich werde jetzt hier nicht denselben Ton anschlagen, wie er Contessas "Erzählungen" gegenüber erklang, sondern sage nur: wer ein wenig von Lyrik versteht, wird sofort sehen, dass die neuere Textdarbietung die Erfordernisse der Textgattung gar nicht kennt.
Die Einlassungen in jenem "Contessa"-Thread endeten ja mit dem Satz: "
Ich werde Euch alle nicht mehr belästigen mit meiner amateurhaften Arbeit." Dieses Versprechen wurde freilich nicht eingehalten, und nur deshalb ist auch auf all das nochmals einzugehen; aber man konnte dann noch eine weitere interessante Entdeckung machen:
Neu eingestellt wurde nämlich eine Version von
"Dostojewski, Fjodor - Die Brüder Karamasow" in der bekannten Übersetzung von Hermann Röhl. Ein Klick hätte genügt, um an anderer Stelle die Information zu erhalten:
"... wird wegen zu großer Fehlerhaftigkeit der Vorlage nicht erneut hochgeladen ..." Das war nämlich 2018 das Ergebnis einer gründlichen Überprüfung, die ergeben hatte, dass der Text der Vorlage (von GB) erst vollständig korrekturgelesen werden müsste.
doubleshuffle sagte: "aber war nicht einmal der Sinn der Sache, hier auf MR eBooks überdurchschnittlicher Designqualität einzustellen?" Man sollte ergänzen: überhaupt von überdurchschnittlicher Qualität. Wenn dann also erwiesen ist, dass die Textqualität unterdurchschnittlich ist, wozu dann ein "modernisiertes" eBook mit genau dem Text noch einmal hochladen?
Was wir auf der Ebene des eBooks erleben, ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, die mit dem Wesen des Digitalen zu tun hat: dieses fordert die Beliebigkeit geradezu heraus - Doktortitel müssen zurückgegeben werden, weil paste© noch keinen Nachweis wissenschaftlicher Qualifikation erbringt, und in anderen Bereichen tut sich - mit nur scheinbar geringfügigeren Auswirkungen - ähnliches. Es ist ein unbewältigtes kulturelles Problem, und das eBook ist mitsamt seinem Ansehen innnerhalb der Kulturwelt ein Teil davon.
Einstweilen werde ich jedenfalls gerne weitere "
altmodische" und "
datierte"
* eBooks in diesem Forum hinterlassen. Und wenn ich mir die
Downloadziffer bei Hokuspokus' Contessa-eBook anschaue:
1369x, dann empfinde ich - fortgesetzt - ein absolut reueloses Vergnügen, an diesem Produkt mitgewirkt zu haben.
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* was immer das heißen möge: sind in der digitalen Welt die Worte mittlerweile doch bald genauso beliebig wie alles andere! - Lehnübersetzung aus dem Englischen? dated=überholt?