Die Erzählung
Vineta, Oskar Loerkes Erstlingswerk von 1907, erzählt das kurze Leben des „Sonntagskindes“ Hermine. Der Vater stirbt früh, und nach der erneuten Heirat der Mutter muss Hermine mit dieser vom Dorf zum Stiefvater in die nahegelegene Stadt ziehen. Das Mädchen betrachtet die Menschen in ihrer neuen Umgebung äußerst skeptisch – bis auf die gleichaltrige Elisabeth.
Die versunkene Stadt Vineta, von der Hermine in einer Schlüsselpassage erzählt, scheint in dieser faszinierenden psychologischen Erzählung als Metapher für Hermines tiefliegende und rätselhafte seelische Antriebe zu dienen.
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Bruno setzte sich an sein Fenster, die Mädchen fingen schüchtern an, die Schifflein von Ufer zu Ufer zu ziehen, Elisabeth eine Hälfte nach dem Bett hinüber, Hermine die andere von dort zu sich, und auf der Mitte des Weges fand eine Begegnung statt. Weil aber keines von beiden plauderte und sie einander so nahe fühlten, daß sie nicht aus geschiedenen Weltteilen Schätze über das Meer senden mochten, wurden sie zaghaft. Die Zeit des Spielens wird vergangen sein für immer, ahnte Hermine. Sie starrte auf das Wasser und tändelte mit langsamen Fingern in seiner Fläche. Plötzlich begann sie leidenschaftlich die Sage von Vineta, der untergegangenen Stadt, rühmte die Tore von blankem Metall, die kostbaren Schaugepränge und Leichenzüge in den düsteren Straßen, die silbernen Glocken in hohen Türmen … Noch einmal ergriff Elisabeth die schlaffen Fäden, zog ganz matt die Schiffe über das Wasser und sah mit Augen hinein, als ob sie selbst an einem Borde stünde und Kuppeln und Spitzen in der Tiefe unterschiede. Hermine erfand immer mehr, um das Spiel lange anzuschauen, mußte aber schließlich aufhören. Es ward still und die Stille begann zu klingen …
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Oskar Loerke (1884-1941) wird heute, wenn überhaupt, als Lyriker wahrgenommen. Er hat jedoch auch einige erzählerische Werke geschrieben; und diesen Erstling fand ich sehr faszinierend. Mal sehen, was sich da noch für Schätze heben lassen.
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