Red Shift von Alan Garner
Eigentlich dachte ich, dass ich mit Alan Garner fertig wäre, nachdem ich The Weirdstone Brisingamen abgebrochen hatte, weil es sich zu sehr wie "Tolkien für Kinder" gelesen hat. The Owl Service konnte mich auch erst beim zweiten Lesen begeistern, woran in dem Fall aber auch die deutsche Übersetzung nicht ganz unschuldig war. Red Shift ist ein schwieriges Buch, bei dem ich mich wirklich frage, wer auf die Idee kam, es als Kinder- oder Jugendbuch zu vermarkten. Gut, die Protagonisten sind Teenager, aber das macht einen Text in meinen Augen nicht automatisch zum Kinderbuch.
Die Geschichte spielt in drei verschiedenen Epochen jeweils am selben Ort in Cheshire: zur Zeit der Römer, während des englischen Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert und zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der letztgenannte Handlungsstrang nimmt den größten Raum im Buch ein; er erzählt von der schwierigen Beziehung zwischen den Teenagern Tom und Jan, die aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Auch in den beiden anderen Epochen geht es um die komplizierte Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau; die Verbindung zwischen den drei Geschichten bildet eine steinzeitliche Axt, die zur Römerzeit von einem der Protagonisten vergraben und sukzessive im 17. und 20. Jahrhundert von den anderen Protagonisten gefunden wird.
Die Erzählweise dieses Buches hat dem Autor sowohl Lob als auch Kritik von Seiten der Leser eingetragen. In jedem Fall stellt sie eine Herausforderung dar - man kann sie als "experimentell", aber auch als "undurchsichtig" oder gar "abgehoben" bezeichnen. Es gibt kaum Beschreibungen, fast der gesamte Text besteht aus Dialogen, die ein aufmerksames Lesen erfordern, weil nicht hinter jedem Satz steht, wer ihn gesagt hat. Das Buch hat außerdem streng genommen keinen Anfang und keine Mitte, und über das Vorhandensein eines Endes kann man sich streiten. Es ist wie der Blick durch ein Schlüsselloch in jede der drei Epochen, man bekommt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben der Protagonisten präsentiert, und nicht gerade einen der glücklichsten Ausschnitte.
Ich habe in zwei Besprechungen gelesen, dass man Red Shift nicht wie einen Roman, sondern eher wie Poesie lesen sollte, und obwohl ich kein Freund von Lyrik bin, hat diese Methode für mich funktioniert. Ich habe eine Weile gebraucht, um ins Buch hineinzukommen, aber dann hat es mich irgendwie nicht mehr losgelassen. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt den Drang hatte, nach der letzten Seite sofort noch einmal von vorn zu beginnen, weil ich das Gefühl nicht los wurde, längst nicht alles mitbekommen zu haben.
Die Verbindung zur schottischen Ballade Tam Lin erschließt sich mir indessen nicht, außer dass die Protagonisten nach diesen benannt sind. Meine Assoziation ist eine andere, nämlich dass Tom und Jan wie in David Mitchell's Cloud Atlas "Iterationen" oder Reinkarnationen ihrer "Vorgänger" in den beiden früheren Epochen sind und deren Geschichte auf die eine oder andere Weise zu Ende bringen. Möglicherweise ist das völlig daneben, aber schließlich bin ich kein Literaturkritiker. Eines weiß ich jetzt aber, dass ich auf jeden Fall noch andere Bücher dieses Autors ausprobieren werde.
(Lebensalter-Challenge, 1973, 4.5 Sterne)
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