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Old 03-03-2013, 11:09 AM   #195
Rainer Zenz
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Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.Rainer Zenz ought to be getting tired of karma fortunes by now.
 
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Doitsu, als alter Buchgestalter und Setzer muss ich deine Gedanken auch noch kommentieren.

Vorneweg: Das Hesse-E-Book mag ich, es ist gut und liebevoll gemacht.

Der Auffassung, die du als "altmodisch" vertrittst, liegen aber Denkfehler und auch etwas Unkenntnis zugrunde.

Es gab und gibt nur sehr wenige Bücher, die "Gesamtkunstwerke" darstellen in dem Sinne, das der Autor verantwortlich ist von der Idee über den Text bis zur Gestaltung und Verarbeitung. Am ehesten kommt so etwas bei sogenannten "Künstlerbüchern" vor.

Dann gibt es es gelegentlich, aber auch selten, Buchausgaben, die man als "Gesamtkunstwerke" durch Zusammenarbeit betrachten kann. Der Text eines Autors wird mit viel Einfühlungsvermögen adäquat und meisterhaft gesetzt, vielleicht genial illustriert, auf tollem Papier gedruckt und wunderschön gebunden. So etwas ist entweder ein Glücksfall oder bewusst als bibliophile Ausgabe entstanden. Auch Inkunabeln kann man oft dazuzählen.

Der Normalfall war und ist aber weit prosaischer. Auch schon vor Jahrhunderten gab ein Autor ein Manuskript in der Regel an seinen Verleger, der mit ihm nicht viel mehr als Inhaltliches absprach, wenn überhaupt. Der Verleger bestimmte das Format, ein Setzer wählte eine Schrifttype aus dem Sortiment (das üblicherweise sehr beschränkt war), setzte den Text und führte dabei durchaus auch nebenbei ein erstes Korrektorat durch. Setzer waren damals hochqualifiziert für so etwas. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Bücher ohne Einband verkauft, den ließ sich der Käufer nach seinem Geschmack beim Buchbinder machen. Auch heute bleibt der Autor bei der Buchgestaltung meist ganz außen vor.

Die Gestalt eines Buchs geht also in der Regel nicht auf den Autor zurück, auch nicht bei Erstausgaben. Da ist schlicht viel Zufall im Spiel. Im Idealfall fügt sich alles zu einem runden Ganzen, Text, Typografie und Layout harmonieren miteinander. Meistens passt es nur so lala. Ganz egal, ob die Ausgabe 200 jahre alt oder aktuell ist.

Das war Punkt 1. Du hast aber noch den Anspruch, eine Erstausgabe oder frühe Ausgabe möglichst genau als E-Book nachzubauen. Da kommt Punkt 2 ins Spiel.

Es ist faktisch unmöglich, ein E-Book-Faksimile eines gedruckten Buchs zu erzeugen. Alles, wirklich alles, was die besonders erhaltenswerte Qualität einer bestimmten Druckausgabe ausmacht, kann dieses Medium naturgemäß überhaupt nicht leisten. Da genügt es absolut nicht, die Originalschrift oder eine oberflächlich ähnliche einzubetten und ein paar stilistische Elemente nachzuahmen. So etwas kann ganz nett sein, hat aber mit Werktreue nichts zu tun. Es ist nur deren Simulation mit untauglichen Mitteln im falschen Medium, keine Rekonstruktion.

Dass Verlage diesen Weg nicht gehen, hat nichts mit Anbiederung an DAUs zu tun. Sie wissen um die Zufälligkeiten bestimmter Ausgaben. Sie wissen, dass sich eine bestimmte Ausgabe nur als echtes, gedrucktes Fasimile annähernd genau vervielfältigen lässt. Was gelegentlich auch passiert, aber exorbitant teuer ist. Und sie wissen, dass sich das Werk ganz im Sinne des Autors oft nur durch wissenschaftliche Arbeit erschließen lässt. Daraus entsteht dann manchmal eine historisch-kritische Ausgabe. Auch sehr teuer und nicht zum Lesen gedacht.

Der verantwortungsbewusste Normalfall bei Klassikern ist daher, eine möglichst noch vom Autor gebilligte Ausgabe als Ausgangsmaterial zu verwenden, den Text zu extrahieren und in neuer formaler Gestalt zu veröffentlichen. Das ist völlig in Ordnung und tut den Autoren keinerlei Gewalt an. Solange die neue Gestalt demText halbwegs adäquat ist, natürlich.

So etwas, wie die Hesse-Erzählung in Fraktur zum E-Book zu machen, halte ich für eine charmante nostalgische Geste. Gerade wegen der Diskrepanz zwischen einer Schrifttype, die ihre Blütezeit im Handsatz auf handgemachtem Papier hatte und heute für viele schwer lesbar geworden ist, und einem hochmodernen Wiedergabegerät für digitalisterte Dateien. Das hat etwas von romatischer Ironie.

Aber: Es ist eben nicht "originaler", werktreuer oder richtiger. Eher eine Art künstlerische Intervention. Du vestehst das nur selbst anders, was ich etwas problematisch finde.
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