                                           Titel




                                                                                              BARRY MILES AUS DEM BUCH "HIPPIES", COLLECTION ROLF HEYNE (L.); JOEL AXELRAD / GETTY IMAGES (O.); POPPERFOTO / BILDERBERG (M.); CHRISTIE'S / AP (U.)




Hippies auf Festival in Bath (1969): ,,Der Puff brennt"




     ,,Brgerlich bis in
        die Knochen"
     Kindermangel, Familienkrise, Werteverfall  und Schuld haben
      die 68er? Ein Wochenende lang stritten 16 Rebellen darber,
     was aus ihnen geworden ist und warum die Gesellschaft sich so
      ganz anders entwickelt hat, als sie sich das vorgestellt haben.


A
        ls die Sachbuchautorin Eva Herman      ter, Kinder und Familien; die anderen wa-
        krzlich die Geschichte bemhte,       ren so schlimm, dass alles, ,,was gut war",
        um auf ihr neues Buch aufmerksam       also Werte, Familien, Mtter, Kinder, ,,das
zu machen, jonglierte sie mit Erkenntnis-      wurde abgeschafft".
sen ber zwei Diktaturen: die Herrschaft          Als sei Ende der sechziger Jahre, so hr-
der Nazis und die Herrschaft der 68er. Die     te sich das an, ein schlimmes Regime ber
einen, sagte Herman, waren schlimm, aber       die Deutschen gekommen, das Macht hat-                                                                                                                                                                68er-Idole Hendrix, Twiggy, Mao
sie waren immerhin gut fr deutsche Mt-       te bis in die Schlafzimmer, das die Medien                                                                                                                                                            Eine Junta von Dutschke bis Schwarzer
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Demonstranten in Berlin (1968): Die Macht der 68er ist eine Projektion in den Kpfen ihrer Kritiker

und die ffentlichkeit steuerte, das die Ge-   denregister der verfluchten Generation um      derheit. Die Jugendrevolution von 1968
setzgebung der Parlamente manipulierte;        ein Dutzend Vorwrfe verlngert: Der           war ein globaler Aufstand, aber es gibt ne-
eine Junta von Rudi Dutschke bis Alice         ko-Glaube und die Rentenlge, der So-         ben Deutschland kein zweites Land, in
Schwarzer beherrschte demnach die Re-          zialhilfebetrug, die Brokratie und die EU,    dem die Folgen der 68er-Revolte bis heute
publik, die das deutsche Paarungsverhal-       dazu Vaterlandshass, Realittsverweige-        so verbissen debattiert werden.
ten, den Familiensinn und das Bildungs-        rung, Mittelma, Faulheit und Lustlosigkeit       ,,Die 68er" gab es schon 1968 nicht, und
wesen gleichschaltete.                          alles habe das Land den 68ern zu ver-        in den Jahrzehnten danach gab es sie  als
   Diese Sicht auf ,,die 68er" ist nicht be-   danken. Irgendwann werden sie auch fr         geschlossene Bewegung  immer weniger;
schrnkt auf schreibende Mtter, die dem       den Zweiten Weltkrieg verantwortlich sein.     sie waren eine heterogene Masse mit un-
Familienglck der vierziger und fnfziger         Die Rebellion von 1968 habe mehr Wer-       terschiedlichen Auffassungen: gleichzeitig
Jahre nachtrauern; auch Autoren wie Udo        te zerstrt als das Dritte Reich, so hatte     gewaltfrei, gewaltbereit; pazifistisch, belli-
Di Fabio, Peter Hahne, Bernhard Bueb und       seinerzeit der konservative Publizist Lu-      zistisch; marktglubig, planglubig; auto-
andere Kritiker der kulturellen Folgen des     dolf Herrmann bilanziert. Das war die Zeit,    ritr, antiautoritr; chauvinistisch, feminis-
Rebellionsjahres resmieren inzwischen         als Medien wie die ,,Bild" Rudi Dutschke       tisch; maoistisch, trotzkistisch, stalinistisch,
eine tiefgreifende Vernderung der Repu-       und seine Genossen als ,,Politgammler"         spontaneistisch, sozialdemokratisch, libe-
blik, die immer noch Ursache fr viele Pro-    und ,,langhaarige Affen" mit ,,SA-Metho-       ral; glubig, unglubig; antikommunistisch,
bleme des Landes sei.                          den" beschimpfte. In den knapp vier Jahr-      prokommunistisch; karrieregeil, hedonis-
   Je weiter das beklagte Schicksalsjahr       zehnten zwischen damals und heute war          tisch; kinderfeindlich, kinderfreundlich;
zurckliegt, desto bedeutender wird es,        der Umgang mit den 68ern freundlicher;         brgerlich, kleinbrgerlich, antibrgerlich;
desto einschneidender, desto folgenreicher.    Bundesprsident Richard von Weizscker         konsumfixiert, konsumfeindlich; staats-
Die Drogen, der Kindermangel, die Fami-        hatte ihnen attestiert, die Republik demo-     glubig, anarchistisch; sie waren alles und
lienkrise, der Bildungsnotstand, der Werte-    kratisiert zu haben, auch viele Medien hat-    nichts, und das gleichzeitig.
verfall, die Pornos, die Talkshows  alles     ten im Rhythmus der Gedenktage das Lob            Sie waren stark darin, zusammen die
die Folgen von 68, wenn man den Kritikern      verbreitet ber das bunte, schne, zivilisa-   richtigen Fragen zu stellen an eine kriseln-
glaubt.                                        torische Erbe ihres Aufstands. In den ver-     de Gesellschaft; aber in den Antworten auf
   In der vorigen Woche hat der Chef-          gangenen Jahren jedoch ist die Klage ber      diese Fragen kamen sie zu widersprch-
redakteur der ,,Bild"-Zeitung  um sein        die bse, kaputte und verfluchte Erblast       lichen Antworten. Erst im Rckblick wur-
neues Buch berhmt zu machen  das Sn-        schriller geworden  eine deutsche Beson-      den sie zu einer einheitlichen Bewegung.
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Beatles-Fans in London (1965): Ein globaler Aufstand, aber nur in Deutschland wird er bis heute verbissen diskutiert

   Die Macht der 68er ist eine Projektion in   nun als Staatsanwlte, Werber, rzte, Jour-   68er-Show, lassen wir den Spa wiederauf-
den Kpfen ihrer Kritiker, die eingebildete    nalisten, Hochschullehrer, Manager und        erstehen und die Debatten, die Irrtmer,
Herrschaft einer Kaste von Gleichgesinn-       Politiker ein brgerliches Leben fhren,      die Hoffnungen, betrachten wir sie mit der
ten. In Wirklichkeit sind die Bewohner         das anders ist, als sie erwartet haben.       Weisheit unserer fnfzig Jahre und stellen
dieser Festung lngst von der Hhe der            Sie lebten damals nicht in den studen-     ein paar Fragen an unser Leben: Welche
Weltanschauung hinabgestiegen ins Tal          tischen Metropolen, an ihnen kann man         Kritik an den 68ern ist berechtigt? Warum
des Lebens und sehen kopfschttelnd            beobachten, wie tief ,,68" in die deutsche    sind die wenigsten von uns politisch ak-
zu, wie immer neue Truppen anstrmen           Normalitt einschnitt.                        tiv? Was machen wir im Verhltnis zu un-
gegen etwas, was fr ihr Vermchtnis ge-          In Bremen waren die 68er jnger als in     seren Kindern anders als unsere Eltern im
halten wird.                                   Berlin, Frankfurt oder Mnchen, weil          Verhltnis zu uns? Wie haben wir die Ge-
   Die, um die es in diesen Debatten immer     Bremen keine Universitt hatte und noch       sellschaft verndert, im Guten wie im
geht, sitzen heute in der SPD, bei den Gr-    keine revolutionren Studenten; die           Schlechten?
nen oder in der FDP, sie sind links, rechts,   Schler waren das, was man zu jener Zeit         Aus der Schweiz und aus Mnchen, aus
konservativ oder unpolitisch, sie sind         revolutionre Subjekte nannte. Sie blo-       Jena, aus Kln, aus Berlin und Hamburg
Single, geschieden oder verheiratet, sie       ckierten Straenbahnen, sie kifften zu-       sind sie deshalb nach Worpswede bei Bre-
sind kinderlos oder kinderreich, sie sind      sammen, sie warfen im Haus des Bil-           men gekommen; dort fuhren sie schon als
noch unterschiedlicher, als sie damals wa-     dungssenators alle Scheiben ein, sie tanz-    Schler hin, um ber die nchste Etappe im
ren, und deshalb haben sie keine gemein-       ten mit Schlips und Kragen im Beat-Club,      revolutionren Kampf zu beraten.
same Stimme in diesem Debattenzirkus.          sie drohten mit Bomben, sie stahlen ihren        Der Diskussion stellten sich  moderiert
   Darum hatten ein paar dieser Aufsssi-      Lehrern die Zensurenbcher, sie schtte-      vom Journalisten Christian Berg  die
gen a. D. eine simple Idee: Warum diesem       ten NPD-Autos Zucker in den Tank, sie         Generalstaatsanwltin Angela Uhlig-van
ganzen schrillen Geschrei um ,,68" und         machten also all diese Sachen, von denen      Buren, die Bundestagsabgeordnete Krista
seinen schrecklichen Folgen nicht mal eine     man sich gern am 50. oder 60. Geburtstag      Sager, der Rechtsanwalt Bernhard Docke,
ordentliche Abrechnung entgegensetzen?         vorschwrmt.                                  die Journalistin Tissy Bruns, der Hoch-
Warum nicht mal fr ein langes Wochen-            Gut, haben sich diese 16 Selbstkritiker    schullehrer Christoph Khler, der Sozial-
ende zusammenkommen, um darber zu             gesagt, tun wir den Kritikern den Gefallen,   manager Joachim (,,Barlo") Barloschky, der
reden, was aus dem geworden ist, das sie       machen wir noch einmal die Lichter an,        Stadtteilbrgermeister Robert Bcking, der
damals wollten?                                hissen die Fahnen, schmeien die Musik-       Werbeunternehmer Jork de la Fontaine,
   Sie  das sind 16 Menschen aus Bremen,      box an, greifen zur Flasche, bieten wir       der Anwalt Wolf Leschmann, die WDR-
die damals die Welt verndern wollten und      noch mal ein Wochenende lang die groe        Redakteurin Irmela Hannover, die Pdago-
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