Torquato_TassoJR=JR=BOOKMOBI__H ,<L\l|  -=M]m}    ! "-"#=$$M&%](&m*'},(.)0*2+4,6-8.:/<0 >1@2-B3=D4MF5]H6mJ7}L8N9P:R;T<V=X>Z?\@ ^A`B-bC=dDMfE]hFmjG}lHnIpJrKtLvMxNzO|P ~QR-S=TMU]VmW}XYZ[\l]"^\MOBIMfa]]PEXTHgTTorquato Tasso ist ein Schauspiel in fünf Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe, das als Protagonisten den Dichter Torquato Tasso in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Zwischen dem 30. März 1780 und dem 31. Juli 1789 entstanden, lag das Werk im Februar 1790 im Druck vor und wurde am 16. Februar 1807 in Weimar uraufgeführt.dJohann GoetheTorquato Tassoj2009-05-23T19:38:07l8calibre (0.5.13) [http://calibre.kovidgoyal.net] Torquato Tasso

Annotation

Torquato Tasso ist ein Schauspiel in fünf Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe, das als Protagonisten den Dichter Torquato Tasso in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Zwischen dem 30. März 1780 und dem 31. Juli 1789 entstanden, lag das Werk im Februar 1790 im Druck vor und wurde am 16. Februar 1807 in Weimar uraufgeführt.



Johann Wolfgang von Goethe Torquato Tasso

Personen:

Alphons, der zweyte, Herzog von Ferrara.

Leonore von Este, Schwester des Herzogs.

Leonore Sanvitale, Gräfinn von Scandiano.

Torquato Tasso.

Antonio Montecatino, Staatssecretär.

Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.

Erster Aufzug

Erster Auftritt

Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert.

Vorn an der Scene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.

Prinzessinn. Leonore.

Prinzessinn.

   Du siehst mich lächlend an, Eleonore,

   Und siehst dich selber an und lächelst wieder.

   Was hast du? Laß es eine Freundinn wissen!

   Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.

Leonore.

   Ja, meine Fürstinn, mit Vergnügen seh' ich

   Uns beyde hier so ländlich ausgeschmückt.

   Wir scheinen recht beglückte Schäferinnen

   Und sind auch wie die Glücklichen beschäftigt.

   Wir winden Kränze. Dieser, bunt von Blumen,

   Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand,

   Du hast mit höherm Sinn und größerm Herzen

   Den zarten schlanken Lorber dir gewählt.

Prinzessinn.

   Die Zweige, die ich in Gedanken flocht,

   Sie haben gleich ein würdig Haupt gefunden,

   Ich setze sie Virgilen dankbar auf,

Sie kränzt die Herme Virgils.

Leonore.

   So drück' ich meinen vollen frohen Kranz

   Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne —

Sie kränzt Ariostens Herme.

   Er, dessen Scherze nie verblühen, habe

   Gleich von dem neuen Frühling seinen Theil.

Prinzessinn.

   Mein Bruder ist gefällig daß er uns

   In diesen Tagen schon auf's Land gebracht,

   Wir können unser seyn und stundenlang

   Uns in die goldne Zeit der Dichter träumen.

   Ich liebe Belriguardo, denn ich habe

   Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt,

   Und dieses neue Grün und diese Sonne

   Bringt das Gefühl mir jener Zeit zurück.

Leonore.

   Ja es umgibt uns eine neue Welt!

   Der Schatten dieser immer grünen Bäume

   Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder

   Das Rauschen dieser Brunnen, schwankend wiegen

   Im Morgenwinde sich die jungen Zweige.

   Die Blumen von den Beeten schauen uns

   Mit ihren Kinderaugen freundlich an.

   Der Gärtner deckt getrost das Winterhaus

   Schon der Citronen und Orangen ab,

   Der blaue Himmel ruhet über uns

   Und an dem Horizonte lös't der Schnee

   Der fernen Berge sich in leisen Duft.

Prinzessinn.

   Es wäre mir der Frühling sehr willkommen,

   Wenn er nicht meine Freundinn mir entführte.

Leonore.

   Erinnre mich in diesen holden Stunden,

   O Fürstinn, nicht wie bald ich scheiden soll.

Prinzessinn.

   Was du verlassen magst, das findest du

   In jener großen Stadt gedoppelt wieder.

Leonore.

   Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich

   Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt.

   Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr

   So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet,

   Und theile seine väterliche Freude.

   Groß ist Florenz und herrlich, doch der Werth

   Von allen seinen aufgehäuften Schätzen

   Reicht an Ferrara's Edelsteine nicht.

   Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht,

   Ferrara ward durch seine Fürsten groß.

Prinzessinn.

   Mehr durch die guten Menschen, die sich hier

   Durch Zufall trafen und zum Glück verbanden.

Leonore.

   Sehr leicht zerstreut der Zufall was er sammelt.

   Ein edler Mensch zieht edle Menschen an

   Und weiß sie fest zu halten, wie ihr thut.

   Um deinen Bruder und um dich verbinden

   Gemüther sich, die eurer würdig sind,

   Und ihr seyd eurer großen Väter werth.

   Hier zündete sich froh das schöne Licht

   Der Wissenschaft, des freyen Denkens an,

   Als noch die Barbarey mit schwerer Dämmrung

   Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind

   Der Name Hercules von Este schon,

   Schon Hyppolit von Este voll in's Ohr.

   Ferrara ward mit Rom und mit Florenz

   Von meinem Vater viel gepriesen! Oft

   Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da.

   Hier ward Petrarch bewirthet, hier gepflegt,

   Und Ariost fand seine Muster hier.

   Italien nennt keinen großen Namen,

   Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt.

   Und es ist vortheilhaft den Genius

   Bewirthen: gibst du ihm ein Gastgeschenk,

   So läßt er dir ein schöneres zurück.

   Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,

   Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt

   Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.

Prinzessinn.

   Dem Enkel, wenn er lebhaft fühlt wie du.

   Gar oft beneid' ich dich um dieses Glück.

Leonore.

   Das du, wie wenig andre, still und rein

   Genießest. Drängt mich doch das volle Herz

   Sogleich zu sagen was ich lebhaft fühle,

   Du fühlst es besser, fühlst es tief und — schweigst.

   Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks,

   Der Witz besticht dich nicht, die Schmeicheley

   Schmiegt sich vergebens künstlich an dein Ohr:

   Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack,

   Dein Urtheil g'rad, stets ist dein Antheil groß

   Am Großen, das du wie dich selbst erkennst.

Prinzessinn.

   Du solltest dieser höchsten Schmeicheley

   Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.

Leonore.

   Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein

   Den ganzen Umfang deines Werths erkennen.

   Und laß mich der Gelegenheit, dem Glück

   Auch seinen Theil an deiner Bildung geben,

   Du hast sie doch, und bist's am Ende doch,

   Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt

   Vor allen großen Frauen eurer Zeit.

Prinzessinn.

   Mich kann das, Leonore, wenig rühren,

   Wenn ich bedenke wie man wenig ist,

   Und was man ist, das blieb man andern schuldig.

   Die Kenntniß alter Sprachen und des Besten,

   Was uns die Vorwelt ließ, dank' ich der Mutter;

   Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn

   Ihr keine beyder Töchter jemals gleich;

   Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen,

   So hat Lucretia gewiß das Recht.

   Auch kann ich dir versichern hab' ich nie

   Als Rang und als Besitz betrachtet, was

   Mir die Natur, was mir das Glück verlieh.

   Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen,

   Daß ich verstehen kann wie sie es meinen.

   Es sey ein Urtheil über einen Mann

   Der alten Zeit und seiner Thaten werth;

   Es sey von einer Wissenschaft die Rede,

   Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet,

   Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt,

   Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt

   Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen.

   Ich höre gern dem Streit der Klugen zu,

   Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust

   So freundlich und so fürchterlich bewegen,

   Mit Grazie die Rednerlippe spielt;

   Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms,

   Des ausgebreiteten Besitzes Stoff

   Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit,

   Von einem klugen Manne zart entwickelt,

   Statt uns zu hintergehen uns belehrt.

Leonore.

   Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung

   Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn

   Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,

   Der uns die letzten lieblichsten Gefühle

   Mit holden Tönen in die Seele flößt.

   Dein hoher Geist umfaßt ein weites Reich,

   Ich halte mich am liebsten auf der Insel

   Der Poesie in Lorberhainen auf

Prinzessinn.

   In diesem schönen Lande, hat man mir

   Versichern wollen, wächst vor andern Bäumen

   Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich

   Gar viele sind, so sucht man unter ihnen

   Sich seltner eine Freundinn und Gespielinn,

   Als man dem Dichter gern begegnen mag,

   Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint,

   Etwas zu suchen scheint das wir nicht kennen,

   Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt.

   Da wär' es denn ganz artig, wenn er uns

   Zur guten Stunde träfe, schnell entzückt

   Uns für den Schatz erkennte, den er lang'

   Vergebens in der weiten Welt gesucht.

Leonore.

   Ich muß mir deinen Scherz gefallen lassen,

   Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief

   Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst

   Und ich bin gegen Tasso nur gerecht.

   Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;

   Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;

   Was die Geschichte reicht, das Leben gibt,

   Sein Busen nimmt es gleich und willig auf

   Das weit zerstreute sammelt sein Gemüth,

   Und sein Gefühl belebt das Unbelebte.

   Oft adelt er was uns gemein erschien,

   Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts.

   In diesem eignen Zauberkreise wandelt

   Der wunderbare Mann und zieht uns an

   Mit ihm zu wandeln, Theil an ihm zu nehmen:

   Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern;

   Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen

   An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.

Prinzessinn.

   Du hast den Dichter fein und zart geschildert,

   Der in den Reichen süßer Träume schwebt.

   Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche

   Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten.

   Die schönen Lieder, die an unsern Bäumen

   Wir hin und wieder angeheftet finden,

   Die, goldnen Äpfeln gleich, ein neu Hesperien

   Uns duftend bilden. Erkennst du sie nicht alle

   Für holde Früchte einer wahren Liebe?

Leonore.

   Ich freue mich der schönen Blätter auch.

   Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er

   Ein einzig Bild in allen seinen Reimen.

   Bald hebt er es in lichter Glorie

   Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend

   Wie Engel über Wolken vor dem Bilde;

   Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach

   Und jede Blume windet er zum Kranz.

   Entfernt sich die Verehrte, heiligt er

   Den Pfad, den leis' ihr schöner Fuß betrat.

   Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall,

   Füllt er aus einem liebekranken Busen

   Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft:

   Sein reitzend Leid, die sel'ge Schwermuth lockt

   Ein jedes Ohr und jedes Herz muß nach —

Prinzessinn.

   Und wenn er seinen Gegenstand benennt,

   So gibt er ihm den Namen Leonore.

Leonore.

   Es ist dein Name wie es meiner ist.

   Ich nähm' es übel wenn's ein andrer wäre.

   Mich freut es daß er sein Gefühl für dich

   In diesem Doppelsinn verbergen kann.

   Ich bin zufrieden daß er meiner auch

   Bey dieses Namens holdem Klang gedenkt.

   Hier ist die Frage nicht von einer Liebe,

   Die sich des Gegenstands bemeistern will,

   Ausschließend ihn besitzen, eifersüchtig

   Den Anblick jedem andern wehren möchte.

   Wenn er in seliger Betrachtung sich

   Mit deinem Werth beschäftigt, mag er auch

   An meinem leichtern Wesen sich erfreun.

   Uns liebt er nicht, — verzeih daß ich es sage! -

   Aus allen Sphären trägt er was er liebt

   Auf einen Namen nieder den wir führen,

   Und sein Gefühl theilt er uns mit; wir scheinen

   Den Mann zu lieben, und wir lieben nur

   Mit ihm das höchste was wir lieben können.

Prinzessinn.

   Du hast dich sehr in diese Wissenschaft

   Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge,

   Die mir beynahe nur das Ohr berühren

   Und in die Seele kaum noch übergehn.

Leonore.

   Du? Schülerinn des Plato! nicht begreifen?

   Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt.

   Es müßte seyn daß ich zu sehr mich irrte,

   Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiß es wohl.

   Die Liebe zeigt in dieser holden Schule

   Sich nicht, wie sonst, als ein verwöhntes Kind:

   Es ist der Jüngling der mit Psychen sich

   Vermählte, der im Rath der Götter Sitz

   Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft

   Von einer Brust zur andern hin und her;

   Er heftet sich an Schönheit und Gestalt

   Nicht gleich mit süßem Irrthum fest, und büßet

   Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruß.

Prinzessinn.

   Da kommt mein Bruder, laß uns nicht verrathen

   Wohin sich wieder das Gespräch gelenkt,

   Wir würden seinen Scherz zu tragen haben,

   Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.

Zweiter Auftritt

Die Vorigen. Alphons.

Alphons.

   Ich suche Tasso, den ich nirgends finde,

   Und treff' ihn — hier sogar bey euch nicht an.

   Könnt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?

Prinzessinn.

   Ich sah' ihn gestern wenig, heute nicht.

Alphons.

   Es ist ein alter Fehler, daß er mehr

   Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht.

   Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm

   Der Menschen flieht, und lieber frey im Stillen

   Mit seinem Geist sich unterhalten mag,

   So kann ich doch nicht loben daß er selbst

   Den Kreis vermeidet den die Freunde schließen.

Leonore.

   Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fürst,

   Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln.

   Ich sah' ihn heut' von fern; er hielt ein Buch

   Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb.

   Ein flüchtig Wort das er mir gestern sagte

   Schien mir sein Werk vollendet anzukünden.

   Er sorgt nur kleine Züge zu verbessern,

   Um deiner Huld, die ihm so viel gewährt,

   Ein würdig Opfer endlich darzubringen.

Alphons.

   Er soll willkommen seyn wenn er es bringt

   Und losgesprochen seyn auf lange Zeit.

   So sehr ich Theil an seiner Arbeit nehme,

   So sehr in manchem Sinn das große Werk

   Mich freut und freuen muß, so sehr vermehrt

   Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir.

   Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden,

   Er ändert stets, ruckt langsam weiter vor,

   Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung;

   Unwillig sieht man den Genuß entfernt

   In späte Zeit, den man so nah' geglaubt.

Prinzessinn.

   Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge,

   Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht.

   Nur durch die Gunst der Musen schließen sich

   So viele Reime fest in eins zusammen;

   Und seine Seele hegt nur diesen Trieb

   Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen.

   Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,

   Die reitzend unterhalten und zuletzt

   Wie lose Worte nur verklingend täuschen.

   Laß ihn, mein Bruder! denn es ist die Zeit

   Von einem guten Werke nicht das Maß;

   Und wenn die Nachwelt mit genießen soll,

   So muß des Künstlers Mitwelt sich vergessen.

Alphons.

   Laß uns zusammen, liebe Schwester, wirken,

   Wie wir zu beyder Vortheil oft gethan!

   Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du:

   Und bist du zu gelind, so will ich treiben.

   Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht

   Am Ziel, wo wir ihn lang' gewünscht zu sehn.

   Dann soll das Vaterland, es soll die Welt

   Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden.

   Ich nehme meinen Theil des Ruhms davon,

   Und er wird in das Leben eingeführt.

   Ein edler Mensch kann einem engen Kreise

   Nicht seine Bildung danken. Vaterland

   Und Welt muß auf ihn wirken. Ruhm und Tadel

   Muß er ertragen lernen. Sich und andre

   Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn

   Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein.

   Es will der Feind — es darf der Freund nicht schonen:

   Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte,

   Fühlt was er ist und fühlt sich bald ein Mann.

Leonore.

   So wirst du, Herr, für ihn noch alles thun,

   Wie du bisher für ihn schon viel gethan.

   Es bildet ein Talent sich in der Stille,

   Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.

   O daß er sein Gemüth wie seine Kunst

   An deinen Lehren bilde! Daß er nicht

   Die Menschen länger meide, daß sein Argwohn

   Sich nicht zuletzt in Furcht und Haß verwandle!

Alphons.

   Die Menschen fürchtet nur wer sie nicht kennt,

   Und wer sie meidet wird sie bald verkennen.

   Das ist sein Fall, und so wird nach und nach

   Ein frey Gemüth verworren und gefesselt.

   So ist er oft um meine Gunst besorgt

   Weit mehr als es ihm ziemte; gegen viele

   Hegt er ein Mißtraun, die, ich weiß es sicher,

   Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja

   Daß sich ein Brief verirrt, daß ein Bedienter

   Aus seinem Dienst in einen andern geht,

   Daß ein Papier aus seinen Händen kommt,

   Gleich sieht er Absicht, sieht Verrätherey

   Und Tücke die sein Schicksal untergräbt.

Prinzessinn.

   Laß uns, geliebter Bruder, nicht vergessen

   Daß von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann.

   Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte,

   Sich einen Fuß beschädigte, wir würden

   Doch lieber langsam gehn und unsre Hand

   Ihm gern und willig leihen?

Alphons. Besser wär's,

   Wenn wir ihn heilen könnten, lieber gleich

   Auf treuen Rath des Arztes eine Cur

   Versuchten, dann mit dem Geheilten froh

   Den neuen Weg des frischen Lebens gingen.

   Doch hoff' ich, meine Lieben, daß ich nie

   Die Schuld des rauhen Arztes auf mich lade.

   Ich thue was ich kann um Sicherheit

   Und Zutraun seinem Busen einzuprägen.

   Ich geb' ihm oft in Gegenwart von Vielen

   Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt

   Er sich bey mir, so laß ich's untersuchen;

   Wie ich es that, als er sein Zimmer neulich

   Erbrochen glaubte. Läßt sich nichts entdecken,

   So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe;

   Und da man alles üben muß, so üb' ich,

   Weil er's verdient, an Tasso die Geduld:

   Und ihr, ich weiß es, steht mir willig bey.

   Ich hab' euch nun auf's Land gebracht und gehe

   Heut' Abend nach der Stadt zurück. Ihr werdet

   Auf einen Augenblick Antonio sehen,

   Er kommt von Rom und hohlt mich ab. Wir haben

   Viel auszureden, abzuthun. Entschlüsse

   Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben,

   Das alles nöthigt mich zur Stadt zurück.

Prinzessinn.

   Erlaubst du uns daß wir dich hinbegleiten?

Alphons.

   Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen

   Hinüber nach Consandoli! Genießt

   Der schönen Tage ganz nach freyer Lust.

Prinzessinn.

   Du kannst nicht bey uns bleiben? die Geschäfte

   Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?

Leonore.

   Du führst uns gleich Antonio hinweg,

   Der uns von Rom so viel erzählen sollte?

Alphons.

   Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme

   Mit ihm so bald als möglich ist, zurück:

   Dann soll er euch erzählen und ihr sollt

   Mir ihn belohnen helfen, der so viel

   In meinem Dienst aufs neue sich bemüht.

   Und haben wir uns wieder ausgesprochen,

   So mag der Schwarm dann kommen, daß es lustig

   In unsern Gärten werde, daß auch mir,

   Wie billig, eine Schönheit in dem Kühlen

   Wenn ich sie suche gern begegnen mag.

Leonore.

   Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.

Alphons.

   Dagegen wißt ihr daß ich schonen kann.

Prinzessinn nach der Scene gekehrt.

   Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam

   Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen

   Auf einmal still, wie unentschlossen, geht

   Dann wieder schneller auf uns los, und weilt

   Schon wieder.

Alphons. Stört ihn, wenn er denkt und dichtet,

   In seinen Träumen nicht, und laßt ihn wandeln.

Leonore.

   Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.

Dritter Auftritt

Die Vorigen. Tasso.

Tasso mit einem Buche in Pergament geheftet.

   Ich komme langsam dir ein Werk zu bringen,

   Und zaudre noch es dir zu überreichen.

   Ich weiß zu wohl, noch bleibt es unvollendet,

   Wenn es auch gleich geendigt scheinen möchte.

   Allein, war ich besorgt es unvollkommen

   Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun

   Die neue Sorge: Mocht' ich doch nicht gern

   Zu ängstlich, möcht' ich nicht undankbar scheinen.

   Und wie der Mensch nur sagen kann: Hier bin ich!

   Daß Freunde seiner schonend sich erfreuen:

   So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!

Er übergibt den Band.

Alphons.

   Du überraschest mich mit deiner Gabe

   Und machst mir diesen schönen Tag zum Fest.

   So halt' ich's endlich denn in meinen Händen,

   Und nenn' es in gewissem Sinne mein!

   Lang' wünscht' ich schon, du möchtest dich entschließen

   Und endlich sagen: Hier! es ist genug.

Tasso.

   Wenn Ihr zufrieden seyd, so ist's vollkommen;

   Denn euch gehört es zu in jedem Sinn.

   Betrachtet' ich den Fleiß den ich verwendet,

   Sah' ich die Züge meiner Feder an;

   So konnt' ich sagen: dieses Werk ist mein.

   Doch seh' ich näher an, was dieser Dichtung

   Den innren Werth und ihre Würde gibt,

   Erkenn' ich wohl, ich hab' es nur von euch.

   Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe

   Aus reicher Willkür freundlich mir geschenkt,

   So hatte mich das eigensinn'ge Glück

   Mit grimmiger Gewalt von sich gestoßen:

   Und zog die schöne Welt den Blick des Knaben

   Mit ihrer ganzen Fülle herrlich an,

   So trübte bald den jugendlichen Sinn

   Der theuren Eltern unverdiente Noth.

   Eröffnete die Lippe sich zu singen,

   So floß ein traurig Lied von ihr herab,

   Und ich begleitete mit leisen Tönen

   Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual.

   Du warst allein der aus dem engen Leben

   Zu einer schönen Freyheit mich erhob;

   Der jede Sorge mir vom Haupte nahm,

   Mir Freyheit gab, daß meine Seele sich

   Zu muthigem Gesang entfalten konnte;

   Und welchen Preis nun auch mein Werk erhält,

   Euch dank' ich ihn, denn Euch gehört es zu.

Alphons.

   Zum zweytenmal verdienst du jedes Lob

   Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.

Tasso.

   O könnt' ich sagen wie ich lebhaft fühle

   Daß ich von Euch nur habe was ich bringe!

   Der thatenlose Jüngling — nahm er wohl

   Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung

   Des raschen Krieges — hat er die ersonnen?

   Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held

   An dem beschiednen Tage kräftig zeigt,

   Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Muth

   Und wie sich List und Wachsamkeit bekämpft,

   Hast du mir nicht, o kluger tapfrer Fürst,

   Das alles eingeflößt als wärest du

   Mein Genius, der eine Freude fände

   Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen

   Durch einen Sterblichen zu offenbaren?

Prinzessinn.

   Genieße nun des Werks das uns erfreut!

Alphons.

   Erfreue dich des Beyfalls jedes Guten.

Leonore.

   Des allgemeinen Ruhms erfreue dich.

Tasso.

   Mir ist an diesem Augenblick genug.

   An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb,

   Euch zu gefallen war mein höchster Wunsch,

   Euch zu ergetzen war mein letzter Zweck.

   Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht

   Verdient nicht daß die Welt von ihm erfahre.

   Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis

   In dem sich meine Seele gern verweilt.

   Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink.

   Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack;

   Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn.

   Die Menge macht den Künstler irr' und scheu:

   Nur wer Euch ähnlich ist, versteht und fühlt,

   Nur der allein soll richten und belohnen!

Alphons.

   Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor,

   So ziemt es nicht nur müßig zu empfangen.

   Das schöne Zeichen, das den Dichter ehrt,

   Das selbst der Held, der seiner stets bedarf,

   Ihm ohne Neid um's Haupt gewunden sieht,

   Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.

Auf die Herme Virgils deutend.

   Hat es der Zufall, hat's ein Genius

   Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier

   Uns nicht umsonst. Virgilen hör' ich sagen:

   Was ehret ihr die Todten? Hatten die

   Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten;

   Und wenn ihr uns bewundert und verehrt,

   So gebt auch den Lebendigen ihr Theil.

   Mein Marmorbild ist schon bekränzt genug,

   Der grüne Zweig gehört dem Leben an.

Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Büste Virgils und nähert sich Tasso. Er tritt zurück.

Leonore.

   Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz,

   Den schönen unverwelklichen, dir bietet!

Tasso.

   O laßt mich zögern, seh' ich doch nicht ein

   Wie ich nach dieser Stunde leben soll.

Alphons.

   In dem Genuß des herrlichen Besitzes,

   Der dich im ersten Augenblick erschreckt.

Prinzessinn indem sie den Kranz in die Höhe hält.

   Du gönnest mir die seltne Freude, Tasso,

   Dir ohne Wort zu sagen wie ich denke.

Tasso.

   Die schöne Last aus deinen theuren Händen

   Empfang' ich knieend auf mein schwaches Haupt.

Er kniet nieder, die Prinzessinn setzt ihm den Kranz auf.

Leonore applaudirend.

   Es lebe der zum erstenmal bekränzte!

   Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!

Tasso steht auf.

Alphons.

   Es ist ein Vorbild nur von jener Krone,

   Die auf dem Capitol dich zieren soll.

Prinzessinn.

   Dort werden lautere Stimmen dich begrüßen,

   Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.

Tasso.

   O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,

   Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken!

   Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiß

   Das Haupt mir träfe, brennt er mir die Kraft

   Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze

   Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!

Leonore.

   Es schützet dieser Zweig vielmehr das Haupt

   Des Manns, der in den heißen Regionen

   Des Ruhms zu wandeln hat, und kühlt die Stirne.

Tasso.

   Ich bin nicht werth die Kühlung zu empfinden,

   Die nur um Heldenstirnen wehen soll.

   O hebt ihn auf, ihr Götter, und verklärt

   Ihn zwischen Wolken, daß er hoch und höher

   Und unerreichbar schwebe! Daß mein Leben

   Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sey!

Alphons.

   Wer früh erwirbt, lernt früh den hohen Werth

   Der holden Güter dieses Lebens schätzen;

   Wer früh genießt, entbehrt in seinem Leben

   Mit Willen nicht was er einmal besaß;

   Und wer besitzt, der, muß gerüstet seyn.

Tasso.

   Und wer sich rüsten will, muß eine Kraft

   Im Busen fühlen die ihm nie versagt.

   Ach! sie versagt mir eben jetzt! Im Glück

   Verläßt sie mich, die angeborne Kraft,

   Die standhaft mich dem Unglück, stolz dem Unrecht

   Begegnen lehrte. Hat die Freude mir,

   Hat das Entzücken dieses Augenblicks

   Das Mark in meinen Gliedern aufgelös't?

   Es sinken meine Kniee! Noch einmal

   Siehst du, o Fürstinn, mich gebeugt vor dir!

   Erhöre meine Bitte; nimm ihn weg!

   Daß wie aus einem schönen Traum erwacht

   Ich ein erquicktes neues Leben fühle.

Prinzessinn.

   Wenn du bescheiden ruhig das Talent,

   Das dir die Götter gaben, tragen kannst,

   So lern' auch diese Zweige tragen, die

   Das schönste sind was wir dir geben können.

   Wem einmal, würdig, sie das Haupt berührt,

   Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.

Tasso.

   So laßt mich denn beschämt von hinnen gehn!

   Laßt mich mein Glück im tiefen Hain verbergen,

   Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg.

   Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert

   Kein Auge mich an's unverdiente Glück.

   Und zeigt mir ungefähr ein klarer Brunnen

   In seinem reinen Spiegel einen Mann,

   Der wunderbar bekränzt im Wiederschein

   Des Himmels zwischen Bäumen, zwischen Felsen

   Nachdenkend ruht: so scheint es mir, ich sehe

   Elysium auf dieser Zauberfläche

   Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage,

   Wer mag der Abgeschiedne seyn? Der Jüngling

   Aus der vergangnen Zeit? So schön bekränzt?

   Wer sagt mir seinen Nahmen? Sein Verdienst?

   Ich warte lang' und denke: käme doch

   Ein andrer und noch einer, sich zu ihm

   In freundlichem Gespräche zu gesellen!

   O säh' ich die Heroen, die Poeten

   Der alten Zeit um diesen Quell versammelt!

   O säh' ich hier sie immer unzertrennlich,

   Wie sie im Leben fest verbunden waren!

   So bindet der Magnet durch seine Kraft

   Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen,

   Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.

   Homer vergaß sich selbst, sein ganzes Leben

   War der Betrachtung zweyer Männer heilig,

   Und Alexander in Elysium

   Eilt den Achill und den Homer zu suchen.

   O daß ich gegenwärtig wäre, sie

   Die größten Seelen nun vereint zu sehen!

Leonore.

   Erwach! Erwache! Laß uns nicht empfinden

   Daß du das Gegenwärtge ganz verkennst.

Tasso.

   Es ist die Gegenwart die mich erhöht,

   Abwesend schein' ich nur, ich bin entzückt.

Prinzessinn.

   Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest,

   Daß du so menschlich sprichst und hör' es gern.

Ein Page tritt zu dem Fürsten und richtet leise etwas aus.

Alphons.

   Er ist gekommen! recht zur guten Stunde.

   Antonio! — Bring ihn her — Da kommt er schon!

Vierter Auftritt

Die Vorigen. Antonio.

Alphons.

   Willkommen! der du uns zugleich dich selbst

   Und gute Bothschaft bringst.

Prinzessinn.

   Sey uns gegrüßt!

Antonio.

   Kaum wag' ich es zu sagen welch Vergnügen

   In eurer Gegenwart mich neu belebt.

   Vor euren Augen find' ich alles wieder

   Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden

   Mit dem was ich gethan, was ich vollbracht,

   Und so bin ich belohnt für jede Sorge,

   Für manchen bald mit Ungeduld durchharrten,

   Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben

   Nun was wir wünschen, und kein Streit ist mehr.

Leonore.

   Auch ich begrüße dich, wenn ich schon zürne.

   Du kommst nur eben da ich reisen muß.

Antonio.

   Damit mein Glück nicht ganz vollkommen werde,

   Nimmst du mir gleich den schönen Theil hinweg.

Tasso.

   Auch meinen Gruß! Ich hoffe mich der Nähe

   Des vielerfahrnen Mannes auch zu freun.

Antonio.

   Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je

   Aus deiner Welt in meine schauen magst.

Alphons.

   Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet

   Was du gethan und wie es dir ergangen;

   So hab' ich doch noch manches auszufragen

   Durch welche Mittel das Geschäft gelang?

   Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt

   Wohl abgemessen seyn, wenn er zuletzt

   An deinen eignen Zweck dich führen soll.

   Wer seines Herren Vortheil rein bedenkt,

   Der hat in Rom gar einen schweren Stand:

   Denn Rom will Alles nehmen, geben Nichts;

   Und kommt man hin um etwas zu erhalten,

   Erhält man nichts, man bringe denn was hin,

   Und glücklich, wenn man da noch 'was erhält.

Antonio.

   Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst,

   Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht.

   Denn welcher Kluge fänd' im Vatican

   Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen

   Das ich zu unserm Vortheil nutzen konnte.

   Dich ehrt Gregor und grüßt und segnet dich.

   Der Greis, der würdigste dem eine Krone

   Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden,

   Da er in seinen Arm dich schloß. Der Mann

   Der Männer unterscheidet, kennt und rühmt

   Dich hoch! Um deinetwillen that er viel.

Alphons.

   Ich freue seiner guten Meinung mich,

   So fern sie redlich ist. Doch weißt du wohl,

   Vom Vatican herab sieht man die Reiche

   Schon klein genug zu seinen Füßen liegen,

   Geschweige denn die Fürsten und die Menschen.

   Gestehe nur was dir am meisten half!

Antonio.

   Gut! wenn du willst: der hohe Sinn des Pabsts.

   Er sieht das Kleine klein, das Große groß.

   Damit er einer Welt gebiete, gibt

   Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.

   Das Streifchen Land, das er dir überläßt,

   Weiß er, wie deine Freundschaft, wohl zu schätzen.

   Italien soll ruhig seyn, er will

   In seiner Nähe Freunde sehen, Friede

   Bey seinen Gränzen halten, daß die Macht

   Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,

   Die Türken da, die Ketzer dort vertilge.

Prinzessinn.

   Weiß man die Männer, die er mehr als andre

   Begünstigt, die sich ihm vertraulich nahn?

Antonio.

   Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr,

   Der thätige sein Zutraun, seine Gunst.

   Er, der von Jugend auf dem Staat gedient,

   Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Höfe,

   Die er vor Jahren als Gesandter schon

   Gesehen und gekannt und oft gelenkt.

   Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick

   Als wie der Vortheil seines eignen Staats.

   Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn

   Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt was er

   Im Stillen lang bereitet und vollbracht.

   Es ist kein schönrer Anblick in der Welt

   Als einen Fürsten sehn der klug regiert;

   Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht,

   Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt

   Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.

Leonore.

   Wie sehnlich wünscht' ich jene Welt einmal

   Recht nah zu sehn!

Alphons. Doch wohl um mit zu wirken

   Denn bloß beschaun wird Leonore nie.

   Es wäre doch recht artig, meine Freundinn,

   Wenn in das große Spiel wir auch zuweilen

   Die zarten Hände mischen könnten — Nicht?

Leonore zu Alphons.

   Du willst mich reitzen, es gelingt dir nicht.

Alphons.

   Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.

Leonore.

   Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld!

   Verzeih' und störe meine Fragen nicht.

Zu Antonio.

   Hat er für die Nipoten viel gethan?

Antonio.

   Nicht weniger noch mehr als billig ist.

   Ein Mächtiger, der für die Seinen nicht

   Zu sorgen weiß, wird von dem Volke selbst

   Getadelt. Still und mäßig weiß Gregor

   Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat

   Als wackre Männer dienen, und erfüllt

   Mit Einer Sorge zwey verwandte Pflichten.

Tasso.

   Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst

   Sich seines Schutzes auch? und eifert er

   Den großen Fürsten alter Zeiten nach?

Antonio.

   Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt,

   Den Staat regieren, Völker kennen lehrt;

   Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom

   Verherrlicht, und Pallast und Tempel

   Zu Wunderwerken dieser Erde macht.

   In seiner Nähe darf nichts müßig seyn!

   Was gelten soll, muß wirken und muß dienen.

Alphons.

   Und glaubst du, daß wir das Geschäfte bald

   Vollenden können? daß sie nicht zuletzt

   Noch hie und da uns Hindernisse streuen?

Antonio.

   Ich müßte sehr mich irren, wenn nicht gleich

   Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe

   Auf immer dieser Zwist gehoben wäre.

Alphons.

   So lob' ich diese Tage meines Lebens

   Als eine Zeit des Glückes und Gewinns.

   Erweitert seh' ich meine Gränze, weiß

   Sie für die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag

   Hast du's geleistet, eine Bürgerkrone

   Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen

   Vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen

   Geflochten dir sie um die Stirne legen.

   Indessen hat mich Tasso auch bereichert;

   Er hat Jerusalem für uns erobert,

   Und so die neue Christenheit beschämt;

   Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel

   Mit frohem Muth und strengem Fleiß erreicht.

   Für seine Mühe siehst du ihn gekrönt.

Antonio.

   Du lösest mir ein Räthsel. Zwey Bekränzte

   Erblickt' ich mit Verwundrung da ich kam.

Tasso.

   Wenn du mein Glück vor deinen Augen siehst;

   So wünscht' ich, daß du mein beschämt Gemüth

   Mit eben diesem Blicke schauen könntest.

Antonio.

   Mir war es lang' bekannt, daß im Belohnen

   Alphons unmäßig ist, und du erfährst

   Was jeder von den Seinen schon erfuhr.

Prinzessinn.

   Wenn du erst siehst was er geleistet hat,

   So wirst du uns gerecht und mäßig finden.

   Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen

   Des Beyfalls, den die Welt ihm nicht versagt,

   Und den ihm zehnfach künft'ge Jahre gönnen.

Antonio.

   Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiß.

   Wer dürfte zweifeln, wo Ihr preisen könnt?

   Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz

   Auf Ariostens Stirne?

Leonore. Diese Hand.

Antonio.

   Und sie hat wohl gethan! Er ziert ihn schön,

   Als ihn der Lorber selbst nicht zieren würde.

   Wie die Natur die innig reiche Brust

   Mit einem grünen, bunten Kleide deckt,

   So hüllt er alles was den Menschen nur

   Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann,

   In's blühende Gewand der Fabel ein.

   Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand

   Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn

   Für's wahre Gute, geistig scheinen sie

   In seinen Liedern und persönlich doch

   Wie unter Blüthen-Bäumen auszuruhn,

   Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blüthen,

   Umkränzt von Rosen, wunderlich umgaukelt

   Vom losen Zauberspiel der Amoretten.

   Der Quell des Ueberflusses rauscht darneben,

   Und läßt uns bunte Wunderfische sehn.

   Von seltenem Geflügel ist die Luft,

   Von fremden Herden Wies' und Busch erfüllt,

   Die Schalkheit lauscht im Grünen halb versteckt,

   Die Weisheit läßt von einer goldnen Wolke

   Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen,

   Indeß auf wohl gestimmter Laute wild

   Der Wahnsinn hin und her zu wühlen scheint

   Und doch im schönsten Tact sich mäßig hält.

   Wer neben diesem Mann sich wagen darf,

   Verdient für seine Kühnheit schon den Kranz.

   Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fühle,

   Wie ein Verzückter weder Zeit noch Ort,

   Noch was ich sage wohl bedenken kann;

   Denn alle diese Dichter, diese Kränze,

   Das seltne festliche Gewand der Schönen

   Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.

Prinzessinn.

   Wer Ein Verdienst so wohl zu schätzen weiß,

   Der wird das andre nicht verkennen. Du

   Sollst uns dereinst in Tasso's Liedern zeigen

   Was wir gefühlt und was nur du erkennst.

Alphons.

   Komm mit, Antonio! manches hab' ich noch,

   Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen.

   Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne

   Den Frauen angehören. Komm! Lebt wohl.

Dem Fürsten folgt Antonio, den Damen Tasso.

Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

Saal.

Prinzessinn. Tasso.

Tasso.

   Unsicher folgen meine Schritte dir,

   O Fürstinn, und Gedanken ohne Maß

   Und Ordnung regen sich in meiner Seele.

   Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich

   Gefällig anzulispeln: komm, ich löse

   Die neu erregten Zweifel deiner Brust.

   Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt

   Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,

   So wird ein neuer Tag um mich herum

   Und alle Bande fallen von mir los.

   Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,

   Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft

   Aus einem schönen Traum mich aufgeweckt;

   Sein Wesen, seine Worte haben mich

   So wunderbar getroffen, daß ich mehr

   Als je mich doppelt fühle, mit mir selbst

   Auf's neu' in streitender Verwirrung bin.

Prinzessinn.

   Es ist unmöglich, daß ein alter Freund,

   Der lang' entfernt ein fremdes Leben führte,

   Im Augenblick da er uns wiedersieht

   Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.

   Er ist in seinem Innern nicht verändert;

   Laß uns mit ihm nur wenig Tage leben,

   So stimmen sich die Saiten hin und wieder,

   Bis glücklich eine schöne Harmonie

   Auf's neue sie verbindet. Wird er dann

   Auch näher kennen was du diese Zeit

   Geleistet hast: so stellt er dich gewiß

   Dem Dichter an die Seite, den er jetzt

   Als einen Riesen dir entgegen stellt.

Tasso.

   Ach meine Fürstinn, Ariostens Lob

   Aus seinem Munde hat mich mehr ergetzt

   Als daß es mich beleidigt hätte. Tröstlich

   Ist es für uns den Mann gerühmt zu wissen,

   Der als ein großes Muster vor uns steht.

   Wir können uns im stillen Herzen sagen:

   Erreichst du einen Theil von seinem Werth,

   Bleibt dir ein Theil auch seines Ruhms gewiß.

   Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,

   Was mir noch jetzt die ganze Seele füllt,

   Es waren die Gestalten jener Welt,

   Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer

   Um Einen großen, einzig klugen Mann

   Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,

   Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.

   Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust

   Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;

   Doch ach! je mehr ich horchte, mehr und mehr

   Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete

   Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,

   Ein Wiederhall, ein Nichts mich zu verlieren.

Prinzessinn.

   Und schienst noch kurz vorher so rein zu fühlen,

   Wie Held und Dichter für einander leben,

   Wie Held und Dichter sich einander suchen,

   Und keiner je den andern neiden soll?

   Zwar herrlich ist die liedeswerthe That,

   Doch schön ist's auch, der Thaten stärkste Fülle

   Durch würd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen.

   Begnüge dich aus einem kleinen Staate,

   Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt,

   Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.

Tasso.

   Und sah' ich hier mit Staunen nicht zuerst,

   Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?

   Als unerfahrner Knabe kam ich her,

   In einem Augenblick, da Fest auf Fest

   Ferrara zu dem Mittelpunct der Ehre

   Zu machen schien. O! welcher Anblick war's!

   Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze

   Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,

   Umschloß ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht

   So bald zum zweytenmal bescheinen wird.

   Es saßen hier gedrängt die schönsten Frauen,

   Gedrängt die ersten Männer unsrer Zeit.

   Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;

   Man rief: Sie alle hat das Vaterland,

   Das Eine, schmale, meerumgebne Land,

   Hierher geschickt. Zusammen bilden sie

   Das herrlichste Gericht, das über Ehre,

   Verdienst und Tugend je entschieden hat.

   Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,

   Der seines Nachbarn sich zu schämen brauche! -

   Und dann eröffneten die Schranken sich.

   Da stampften Pferde, glänzten Helm und Schilde,

   Da drängten sich die Knappen, da erklang

   Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd,

   Getroffen tönten Helm und Schilde, Staub,

   Auf einen Augenblick, umhüllte wirbelnd

   Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.

   O laß mich einen Vorhang vor das ganze,

   Mir allzu helle Schauspiel ziehen, daß

   In diesem schönen Augenblicke mir

   Mein Unwerth nicht zu heftig fühlbar werde.

Prinzessinn.

   Wenn jener edle Kreis, wenn jene Thaten

   Zu Müh und Streben damals dich entflammten,

   So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit

   Der Duldung stille Lehre dir bewähren.

   Die Feste, die du rühmst, die hundert Zungen

   Mir damals priesen und mir manches Jahr

   Nachher gepriesen haben, sah' ich nicht.

   Am stillen Ort wohin kaum unterbrochen

   Der letzte Wiederhall der Freude sich

   Verlieren konnte, mußt' ich manche Schmerzen

   Und manchen traurigen Gedanken leiden.

   Mit breiten Flügeln schwebte mir das Bild

   Des Todes vor den Augen, deckte mir

   Die Aussicht in die immer neue Welt.

   Nur nach und nach entfernt' es sich, und ließ

   Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben

   Des Lebens, blaß doch angenehm, erblicken.

   Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen.

   Zum erstenmal trat ich, noch unterstützt

   Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,

   Da kam Lukretia voll frohen Lebens

   Herbey und führte dich an ihrer Hand.

   Du warst der erste, der im neuen Leben

   Mir neu und unbekannt entgegen trat.

   Da hofft' ich viel für dich und mich, auch hat

   Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.

Tasso.

   Und ich, der ich betäubt von dem Gewimmel

   Des drängenden Gewühls, von so viel Glanz

   Geblendet, und von mancher Leidenschaft

   Bewegt, durch stille Gänge des Pallasts

   An deiner Schwester Seite schweigend ging,

   Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald

   Auf deine Frau'n gelehnt erschienest — Mir

   Welch ein Moment war dieser! O! Vergib!

   Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn

   Der Gottheit Nähe leicht und willig heilt;

   So war auch ich von aller Phantasie,

   Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe

   Mit Einem Blick in deinen Blick geheilt.

   Wenn unerfahren die Begierde sich

   Nach tausend Gegenständen sonst verlor,

   Trat ich beschämt zuerst in mich zurück,

   Und lernte nun das Wünschenswerthe kennen.

   So sucht man in dem weiten Sand des Meers

   Vergebens eine Perle, die verborgen

   In stillen Schalen eingeschlossen ruht.

Prinzessinn.

   Es fingen schöne Zeiten damals an,

   Und hätt' uns nicht der Herzog von Urbino

   Die Schwester weggeführt, uns wären Jahre

   Im schönen ungetrübten Glück verschwunden.

   Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr

   Den frohen Geist, die Brust voll Muth und Leben,

   Den reichen Witz der liebenswürd'gen Frau.

Tasso.

   Ich weiß es nur zu wohl, seit jenem Tage

   Da sie von hinnen schied, vermochte dir

   Die reine Freude niemand zu ersetzen.

   Wie oft zerriß es meine Brust! Wie oft

   Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich!

   Ach! rief ich aus, hat denn die Schwester nur

   Das Glück, das Recht, der Theuern viel zu seyn?

   Ist denn kein Herz mehr werth, daß sie sich ihm

   Vertrauen dürfte, kein Gemüth dem ihren

   Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen?

   Und war die Eine Frau, so trefflich sie

   Auch war, denn alles? Fürstinn! o verzeih'!

   Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wünschte

   Dir etwas seyn zu können. Wenig nur,

   Doch etwas, nicht mit Worten, mit der That

   Wünscht' ich's zu seyn, im Leben dir zu zeigen,

   Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht.

   Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft

   That ich im Irrthum was dich schmerzen mußte,

   Beleidigte den Mann, den du beschütztest,

   Verwirrte unklug was du lösen wolltest,

   Und fühlte so mich stets im Augenblick,

   Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.

Prinzessinn.

   Ich habe, Tasso, deinen Willen nie

   Verkannt, und weiß wie du dir selbst zu schaden

   Geschäftig bist. Anstatt daß meine Schwester

   Mit jeden, wie er sey, zu leben weiß,

   So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum

   In einen Freund dich finden.

Tasso. Tadle mich!

   Doch sage mir hernach, wo ist der Mann?

   Die Frau? mit der ich wie mit dir

   Aus freyem Busen wagen darf zu reden.

Prinzessinn.

   Du solltest meinem Bruder dich vertraun.

Tasso.

   Er ist mein Fürst! — Doch glaube nicht, daß mir

   Der Freyheit wilder Trieb den Busen blähe.

   Der Mensch ist nicht geboren frey zu seyn,

   Und für den Edeln ist kein schöner Glück,

   Als einen Fürsten, den er ehrt, zu dienen.

   Und so ist er mein Herr, und ich empfinde

   Den ganzen Umfang dieses großen Worts.

   Nun muß ich schweigen lernen wenn er spricht,

   Und thun wenn er gebiethet, mögen auch

   Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.

Prinzessinn.

   Das ist der Fall bey meinem Bruder nie.

   Und nun, da wir Antonio wieder haben,

   Ist dir ein neuer kluger Freund gewiß.

Tasso.

   Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast.

   Wie lehrreich wäre mir sein Umgang, nützlich

   Sein Rath in tausend Fällen! Er besitzt,

   Ich mag wohl sagen, alles was mir fehlt.

   Doch — haben alle Götter sich versammelt

   Geschenke seiner Wiege darzubringen?

   Die Grazien sind leider ausgeblieben,

   Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,

   Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,

   Doch läßt sich nie an seinem Busen ruhn.

Prinzessinn.

   Doch läßt sich ihm vertraun, und das ist viel.

   Du mußt von Einem Mann nicht alles fordern,

   Und dieser leistet was er dir verspricht.

   Hat er sich erst für deinen Freund erklärt,

   So sorgt er selbst für dich wo du dir fehlst.

   Ihr müßt verbunden seyn! Ich schmeichle mir

   Dieß schöne Werk in kurzem zu vollbringen.

   Nur widerstehe nicht wie du es pflegst!

   So haben wir Lenoren lang' besessen,

   Die fein und zierlich ist, mit der es leicht

   Sich leben läßt; auch dieser hast du nie,

   Wie sie es wünschte, näher treten wollen.

Tasso.

   Ich habe dir gehorcht, sonst hätt' ich mich

   Von ihr entfernt anstatt mich ihr zu nahen.

   So liebenswürdig sie erscheinen kann,

   Ich weiß nicht wie es ist, konnt' ich nur selten

   Mit ihr ganz offen seyn, und wenn sie auch

   Die Absicht hat, den Freunden wohlzuthun,

   So fühlt man Absicht und man ist verstimmt.

Prinzessinn.

   Auf diesem Wege werden wir wohl nie

   Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad

   Verleitet uns durch einsames Gebüsch,

   Durch stille Thäler fortzuwandern; mehr

   Und mehr verwöhnt sich das Gemüth, und strebt

   Die goldne Zeit, die ihm von außen mangelt,

   In seinem Innern wieder herzustellen,

   So wenig der Versuch gelingen will.

Tasso.

   O welches Wort spricht meine Fürstinn aus!

   Die goldne Zeit wohin ist sie geflohn?

   Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt!

   Da auf der freyen Erde Menschen sich

   Wie frohe Herden im Genuß verbreiteten;

   Da ein uralter Baum auf bunter Wiese

   Dem Hirten und der Hirtinn Schatten gab,

   Ein jüngeres Gebüsch die zarten Zweige

   Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;

   Wo klar und still auf immer reinem Sande

   Der weiche Fluß die Nymphe sanft umfing;

   Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange

   Unschädlich sich verlor, der kühne Faun

   Vom tapfern Jüngling bald bestraft entfloh;

   Wo jeder Vogel in der freyen Luft

   Und jedes Thier durch Berg und Thäler schweifend

   Zum Menschen sprach: erlaubt ist was gefällt.

Prinzessinn.

   Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbey:

   Allein die Guten bringen sie zurück;

   Und soll ich dir gestehen wie ich denke,

   Die goldne Zeit, womit der Dichter uns

   Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war,

   So scheint es mir, so wenig als sie ist,

   Und war sie je, so war sie nur gewiß,

   Wie sie uns immer wieder werden kann.

   Noch treffen sich verwandte Herzen an

   Und theilen den Genuß der schönen Welt;

   Nur in dem Wahlspruch ändert sich, mein Freund,

   Ein einzig Wort: erlaubt ist was sich ziemt.

Tasso.

   O wenn aus guten, edlen Menschen nur

   Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,

   Was sich denn ziemt! Anstatt daß jeder glaubt,

   Es sey auch schicklich was ihm nützlich ist.

   Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen

   Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.

Prinzessinn.

   Willst du genau erfahren was sich ziemt;

   So frage nur bey edlen Frauen an.

   Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,

   Daß alles wohl sich zieme was geschieht.

   Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer

   Das zarte leicht verletzliche Geschlecht.

   Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,

   Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.

   Und wirst du die Geschlechter beyde fragen:

   Nach Freyheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Tasso.

   Du nennest uns unbändig, roh, gefühllos?

Prinzessinn.

   Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Gütern,

   Und euer Streben muß gewaltsam seyn.

   Ihr wagt es, für die Ewigkeit zu handeln,

   Wenn wir ein einzig nah beschränktes Gut

   Auf dieser Erde nur besitzen möchten,

   Und wünschen, daß es uns beständig bliebe.

   Wir sind von keinem Männerherzen sicher,

   Das noch so warm sich einmal uns ergab.

   Die Schönheit ist vergänglich, die ihr doch

   Allein zu ehren scheint. Was übrig bleibt,

   Das reitzt nicht mehr, und was nicht reitzt, ist todt.

   Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz

   Zu schätzen wüßten, die erkennen möchten,

   Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe

   Der Busen einer Frau bewahren kann,

   Wenn das Gedächtniß einzig schöner Stunden

   In euren Seelen lebhaft bleiben wollte,

   Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,

   Auch durch den Schleyer dringen könnte, den

   Uns Alter oder Krankheit überwirft,

   Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,

   Nach fremden Gütern euch nicht lüstern machte:

   Dann wär' uns wohl ein schöner Tag erschienen,

Wir feierten dann unsre goldne Zeit.

Tasso.

   Du sagst mir Worte, die in meiner Brust

   Halb schon entschlafne Sorgen mächtig regen.

Prinzessinn.

   Was meinst du, Tasso? rede frey mit mir.

Tasso.

   Oft hört' ich schon, und diese Tage wieder

   Hab' ich's gehört, ja hätt' ich's nicht vernommen,

   So müßt' ich's denken: edle Fürsten streben

   Nach deiner Hand! Was wir erwarten müssen,

   Das fürchten wir und möchten schier verzweifeln,

   Verlassen wirst du uns, es ist natürlich;

   Doch wie wir's tragen wollen, weiß ich nicht.

Prinzessinn.

   Für diesen Augenblick seyd unbesorgt!

   Fast möcht' ich sagen: unbesorgt für immer.

   Hier bin ich gern und gerne mag ich bleiben;

   Noch weiß ich kein Verhältniß, das mich lockte;

   Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,

   So laßt es mir durch Eintracht sehn, und schafft

   Euch selbst ein glücklich Leben, mir durch euch.

Tasso.

   O lehre mich das Mögliche zu thun!

   Gewidmet sind dir alle meine Tage.

   Wenn dich zu preisen, dir zu danken sich

   Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst

   Das reinste Glück, das Menschen fühlen können.

   Das göttlichste erfuhr ich nur in dir.

   So unterscheiden sich die Erdengötter

   Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal

   Vom Rath und Willen selbst der klügsten Männer

   Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,

   Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn,

   Wie leichte Wellen, unbemerkt vorüber

   Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht

   Den Sturm, der uns umsaus't und niederwirft,

   Vernehmen unser Flehen kaum, und lassen,

   Wie wir beschränkten armen Kindern thun,

   Mit Seufzern und Geschrey die Luft uns füllen.

   Du hast mich oft, o Göttliche, geduldet,

   Und wie die Sonne, trocknete dein Blick

   Den Thau von meinen Augenliedern ab.

Prinzessinn.

   Es ist sehr billig, daß die Frauen dir

   Auf's freundlichste begegnen, es verherrlicht

   Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.

   Zart oder tapfer, hast du stets gewußt

   Sie liebenswerth und edel vorzustellen:

   Und wenn Armide hassenswerth erscheint,

   Versöhnt ihr Reitz und ihre Liebe bald.

Tasso.

   Was auch in meinem Liede wiederklingt,

   Ich bin nur Einer, Einer alles schuldig!

   Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild

   Vor meiner Stirne, das der Seele bald

   Sich überglänzend nahte, bald entzöge.

   Mit meinen Augen hab' ich es gesehn,

   Das Urbild jeder Tugend, jeder Schöne;

   Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:

   Tancredens Heldenliebe zu Chlorinden,

   Erminiens stille nicht bemerkte Treue,

   Sophroniens Großheit und Olindens Noth.

   Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,

   Ich weiß es, sie sind ewig, denn sie sind.

   Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte

   Zu bleiben und im Stillen fortzuwirken,

   Als das Geheimniß einer edlen Liebe,

   Dem holden Lied bescheiden anvertraut?

Prinzessinn.

   Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,

   Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?

   Es lockt uns nach und nach, wir hören zu,

   Wir hören und wir glauben zu verstehn,

   Was wir verstehn, das können wir nicht tadeln,

   Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.

Tasso.

   Welch einen Himmel öffnest du vor mir,

   O Fürstinn! Macht mich dieser Glanz nicht blind,

   So seh' ich unverhofft ein ewig Glück

   Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.

Prinzessinn.

   Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,

   Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:

   Doch andre können nur durch Mäßigung

   Und durch Entbehren unser eigen werden.

   So sagt man, sey die Tugend, sey die Liebe,

   Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!

Zweiter Auftritt

Tasso.

   Ist dir's erlaubt die Augen aufzuschlagen?

   Wagst du's umherzusehn? Du bist allein!

   Vernahmen diese Säulen was sie sprach?

   Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen

   Des höchsten Glücks zu fürchten? Es erhebt

   Die Sonne sich des neuen Lebenstages,

   Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.

   Hernieder steigend hebt die Göttinn schnell

   Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis

   Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!

   Wie köstlich wird der heiße Wunsch belohnt!

   Ich träumte mich dem höchsten Glücke nah,

   Und dieses Glück ist über alle Träume.

   Der Blindgeborne denke sich das Licht,

   Die Farben wie er will, erscheinet ihm

   Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.

   Voll Muth und Ahndung, freudetrunken, schwankend

   Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel,

   Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke

   Mit vollen Händen übermäßig reichen,

   Und forderst wieder, was von mir zu fordern

   Nur eine solche Gabe dich berechtigt.

   Ich soll entbehren, soll mich mäßig zeigen,

   Und so verdienen, daß du mir vertraust.

   Was that ich je, daß sie mich wählen konnte?

   Was soll ich thun, um ihrer werth zu seyn?

   Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.

   Ja, Fürstinn, deinen Worten, deinen Blicken

   Sey ewig meine Seele ganz geweiht!

   Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!

   Sie sende mich, Müh' und Gefahr und Ruhm

   In fernen Landen aufzusuchen, reiche

   Im stillen Hain die goldne Leyer mir,

   Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis:

   Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen;

   Mein Herz bewahrte jeden Schatz für Sie.

   O hätt' ein tausendfaches Werkzeug mir

   Ein Gott gegönnt, kaum drückt' ich dann genug

   Die unaussprechliche Verehrung aus.

   Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe,

   Die süßeste, die je von frühem Honig

   Genährt war, wünscht' ich mir. Nein, künftig soll

   Nicht Tasso zwischen Bäumen, zwischen Mensch

   Sich einsam, schwach und trübgesinnt verlieren!

   Er ist nicht mehr allein, er ist mit Dir.

   O daß die edelste der Thaten sich

   Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben

   Von gräßlicher Gefahr! Ich dränge zu

   Und wagte gern das Leben, das ich nun

   Von ihren Händen habe — forderte

   Die besten Menschen mir zu Freunden auf,

   Unmögliches mit einer edeln Schaar

   Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen.

   Voreiliger, warum verbarg dein Mund

   Nicht das was du empfandst, bis du dich werth

   Und werther ihr zu Füßen legen konntest?

   Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.

   Doch sey es auch! Viel schöner ist es, rein

   Und unverdient ein solch Geschenk empfangen,

   Als halb und halb zu wähnen, daß man wohl

   Es habe fordern dürfen. Blicke freudig,

   Es ist so groß, so weit, was vor dir liegt!

   Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder

   In unbekannte, lichte Zukunft hin.

   — Schwelle Brust! — O Witterung des Glücks

   Begünst'ge diese Pflanze doch einmal!

   Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen

   Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blüthen.

   O daß sie Furcht, o daß sie Freuden bringe!

   Daß eine liebe Hand den goldnen Schmuck

   Aus ihren frischen reichen Ästen breche!

Dritter Auftritt

Tasso. Antonio.

Tasso.

   Sey mir willkommen, den ich gleichsam jetzt

   Zum erstenmal erblicke! Schöner ward

   Kein Mann mir angekündigt. Sey willkommen!

   Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Werth,

   Dir biet' ich ohne Zögern Herz und Hand,

   Und hoffe, daß auch du mich nicht verschmähst.

Antonio.

   Freygebig bietest du mir schöne Gaben,

   Und ihren Werth erkenn' ich wie ich soll,

   Drum laß mich zögern eh' ich sie ergreife.

   Weiß ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen

   Ein gleiches geben kann. Ich möchte gern

   Nicht übereilt und nicht undankbar scheinen:

   Laß mich für beyde klug und sorgsam seyn.

Tasso.

   Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt

   Des Lebens zeigt wie sehr sie nöthig sey;

   Doch schöner ist's, wenn uns die Seele sagt

   Wo wir der feinen Vorsicht nicht bedürfen.

Antonio.

   Darüber frage jeder sein Gemüth,

   Weil er den Fehler selbst zu büßen hat.

Tasso.

   So sey's! Ich habe meine Pflicht gethan,

   Der Fürstinn Wort, die uns zu Freunden wünscht,

   Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt.

   Rückhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiß,

   Zudringen will ich nicht. Es mag denn seyn.

   Zeit und Bekanntschaft heißen dich vielleicht

   Die Gabe wärmer fodern, die du jetzt

   So kalt bey Seite lehnst und fast verschmähst.

Antonio.

   Der Mäßige wird öfters kalt genannt

   Von Menschen, die sich warm vor andern glauben,

   Weil sie die Hitze fliegend überfällt.

Tasso.

   Du tadelst was ich tadle, was ich melde.

   Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin,

   Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.

Antonio.

   Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.

Tasso.

   Du bist berechtigt mir zu rathen, mich

   Zu warnen, denn es steht Erfahrung dir

   Als lang' erprobte Freundinn an der Seite.

   Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz

   Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung,

   Und übt sich ingeheim an jedem Guten,

   Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.

Antonio.

   Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst

   Beschäft'gen, wenn es nur so nützlich wäre.

   Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes

   Erkennen. Denn er mißt nach eignem Maß

   Sich bald zu klein und leider oft zu groß.

   Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur

   Das Leben lehret jedem was er sey.

Tasso.

   Mit Beyfall und Verehrung hör' ich dich.

Antonio.

   Und dennoch denkst du wohl bey diesen Worten

   Ganz etwas anders, als ich sagen will.

Tasso.

   Auf diese Weise rücken wir nicht näher.

   Es ist nicht klug, es ist nicht wohl gethan,

   Vorsetzlich einen Menschen zu verkennen,

   Er sey auch wer er sey. Der Fürstinn Wort

   Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt:

   Ich weiß, daß du das Gute willst und schaffst.

   Dein eigen Schicksal läßt dich unbesorgt,

   An Andre denkst du, Andern stehst du bey,

   Und auf des Lebens leicht bewegter Woge

   Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich.

   Und was wär' ich, ging ich dir nicht entgegen?

   Sucht' ich begierig nicht auch einen Theil

   An dem verschloßnen Schatz, den du bewahrst?

   Ich weiß, es reut dich nicht, wenn du dich öffnest;

   Ich weiß, du bist mein Freund, wenn du mich kennst:

   Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange.

   Ich schäme mich der Unerfahrenheit

   Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch

   Der Zukunft goldne Wolke mir um's Haupt.

   O nimm mich, edler Mann, an deine Brust,

   Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen,

   Zum mäßigen Gebrauch des Lebens ein.

Antonio.

   In Einem Augenblicke forderst du,

   Was wohlbedächtig nur die Zeit gewährt.

Tasso.

   In Einem Augenblick gewährt die Liebe,

   Was Mühe kaum in langer Zeit erreicht.

   Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fodern.

   Dich ruf ich in der Tugend Namen auf,

   Die gute Menschen zu verbinden eifert.

   Und soll ich dir noch einen Namen nennen?

   Die Fürstinn hofft's, Sie will's — Eleonore,

   Sie will mich zu dir führen, dich zu mir.

   O laß uns ihrem Wunsch entgegen gehn!

   Laß uns verbunden vor die Göttinn treten,

   Ihr unsern Dienst, die ganze Seele biethen,

   Vereint für sie das Würdigste zu thun.

   Noch einmal! — Hier ist meine Hand! Schlag' ein!

   Tritt nicht zurück und weigre dich nicht länger,

   O edler Mann, und gönne mir die Wollust,

   Die schönste guter Menschen, sich dem Bessern

   Vertrauend ohne Rückhalt hinzugeben!

Antonio.

   Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,

   Du bist gewohnt zu siegen, überall

   Die Wege breit, die Pforten weit zu finden.

   Ich gönne jeden Werth und jedes Glück

   Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr,

   Wir stehn zu weit noch von einander ab.

Tasso.

   Es sey an Jahren, an geprüftem Werth:

   An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.

Antonio.

   Der Wille lockt die Thaten nicht herbey;

   Der Muth stellt sich die Wege kürzer vor.

   Wer angelangt am Ziel ist, wird gekrönt,

   Und oft entbehrt ein Würd'ger eine Krone.

   Doch gibt es leichte Kränze, Kränze gibt es

   Von sehr verschiedner Art, sie lassen sich

   Oft im Spazierengehn bequem erreichen.

Tasso.

   Was eine Gottheit diesem frey gewährt

   Und jenem streng versagt, ein solches Gut

   Erreicht nicht jeder wie er will und mag.

Antonio.

   Schreib' es dem Glück vor andern Göttern zu,

   So hör' ich's gern, denn seine Wahl ist blind.

Tasso.

   Auch die Gerechtigkeit trägt eine Binde

   Und schließt die Augen jedem Blendwerk zu.

Antonio.

   Das Glück erhebe billig der Beglückte!

   Er dicht' ihm hundert Augen für's Verdienst

   Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,

   Nenn' es Minerva, nenn' es wie er will,

   Er halte gnädiges Geschenk für Lohn,

   Zufälligen Putz für wohlverdienten Schmuck.

Tasso.

   Du brauchst nicht deutlicher zu seyn. Es ist genug!

   Ich blicke tief dir in das Herz und kenne

   Für's ganze Leben dich. O kennte so

   Dich meine Fürstinn auch! Verschwende nicht

   Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!

   Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,

   Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.

   Sey erst so groß, mir ihn nicht zu beneiden!

   Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen.

   Ich acht' ihn heilig und das höchste Gut:

   Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,

   Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,

   Von dem mir die Geschichten nur erzählten;

   Den Dichter stell' mir vor, der sich Homeren,

   Virgilen sich vergleichen darf, ja, was

   Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,

   Der dreyfach diesen Lohn verdiente, den

   Die schöne Krone dreyfach mehr als mich

   Beschämte: dann sollst du mich knieend sehn

   Vor jener Gottheit, die mich so begabte;

   Nicht eher stünd' ich auf, bis sie die Zierde

   Von meinem Haupt auf seins hinüber drückte.

Antonio.

   Bis dahin bleibst du freylich ihrer werth.

Tasso.

   Man wäge mich, das will ich nicht vermeiden,

   Allein Verachtung hab' ich nicht verdient.

   Die Krone, der mein Fürst mich würdig achtete,

   Die meiner Fürstinn Hand für mich gewunden,

   Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!

Antonio.

   Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut

   Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.

Tasso.

   Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.

   Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?

   Ist im Pallast der freye Geist gekerkert?

   Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden?

   Mich dünkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz,

   Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Nähe

   Der Großen dieser Erde nicht erfreun?

   Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fürsten

   Durch Adel nur, der uns von Vätern kam;

   Warum nicht durch's Gemüth, das die Natur

   Nicht jedem groß verlieh, wie sie nicht jedem

   Die Reihe großer Ahnherrn geben konnte.

   Nur Kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen,

   Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:

   Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe

   An diesen Marmorwänden haften soll.

Antonio.

   Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmähn!

   Der übereilte Knabe will des Mann's

   Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen?

   Unsittlich wie du bist hältst du dich gut?

Tasso.

   Viel lieber was ihr euch unsittlich nennt,

   Als was ich mir unedel nennen müßte.

Antonio.

   Du bist noch jung genug, daß gute Zucht

   Dich eines bessern Wegs belehren kann.

Tasso.

   Nicht jung genug, vor Götzen mich zu neigen,

   Und Trotz mit Trotz zu bänd'gen, alt genug.

Antonio.

   Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,

   Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.

Tasso.

   Verwegen wär' es meine Faust zu rühmen,

   Denn sie hat nichts gethan, doch ich vertrau' ihr.

Antonio.

   Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr

   im frechen Laufe deines Glücks verzog.

Tasso.

   Daß ich erwachsen bin, das fühl' ich nun;

   Mit dir am wenigsten hätt' ich gewünscht

   Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:

   Allein du schürest Glut auf Glut, es kocht

   Das inn're Mark, die schmerzliche Begier

   Der Rache siedet schäumend in der Brust.

   Bist du der Mann der du dich rühmst, so steh' mir.

Antonio.

   Du weißt so wenig wer, als wo du bist.

Tasso.

   Kein Heiligthum heißt uns den Schimpf ertragen.

   Du lästerst, du entweihest diesen Ort,

   Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe,

   Das schönste Opfer, dir entgegen trug.

   Dein Geist verunreint dieses Paradies

   Und deine Worte diesen reinen Saal,

   Nicht meines Herzens schwellendes Gefühl,

   Das braus't, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.

Antonio.

   Welch hoher Geist in einer engen Brust!

Tasso.

   Hier ist noch Raum dem Busen Luft zu machen.

Antonio.

   Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.

Tasso.

   Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.

Antonio.

   Ich bin es wohl, doch weiß ich wo ich bin.

Tasso.

   Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.

Antonio.

   Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.

Tasso.

   Der Feigheit ist solch Hinderniß willkommen.

Antonio.

   Der Feige droht nur, wo er sicher ist.

Tasso.

   Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.

Antonio.

   Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.

Tasso.

   Verzeihe mir der Ort daß ich es litt.

Er zieht den Degen.

   Zieh' oder folge, wenn ich nicht auf ewig,

   Wie ich dich hasse, dich verachten soll.

Vierter Auftritt

Alphons. Die Vorigen.

Alphons.

   In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?

Antonio.

   Du findest mich, o Fürst, gelassen stehn

   Vor einem, den die Wuth ergriffen hat.

Tasso.

   Ich bethe dich als eine Gottheit an,

   Daß du mit Einem Blick mich warnend bändigst.

Alphons.

   Erzähl', Antonio, Tasso, sag' mir an,

   Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen?

   Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn

   Der Sitten, der Gesetze kluge Männer

   Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.

Tasso.

   Du kennst uns beyde nicht, ich glaub' es wohl:

   Hier dieser Mann, berühmt als klug und sittlich,

   Hat roh und hämisch, wie ein unerzogner,

   Unedler Mensch sich gegen mich betragen.

   Zutraulich nahe ich ihm, er stieß mich weg;

   Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,

   Und bitter, immer bittrer ruht' er nicht,

   Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir

   Zu Galle wandelte. Verzeih'! Du hast mich hier

   Als einen Wüthenden getroffen. Dieser

   Hat alle schuld, wenn ich mich schuldig machte.

   Er hat die Glut gewaltsam angefacht,

   Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.

Antonio.

   Ihn riß der hohe Dichterschwung hinweg!

   Du hast, o Fürst, zuerst mich angeredet,

   Hast mich gefragt: es sey mir nun erlaubt,

   Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.

Tasso.

   O ja, erzähl', erzähl' von Wort zu Wort,

   Und kannst du jede Sylbe, jede Miene

   Vor diesen Richter stellen, wag' es nur!

   Beleidige dich selbst zum zweytenmale,

   Und zeuge wider dich! dagegen will

   Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag läugnen.

Antonio.

   Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich:

   Wo nicht, so schweig' und unterbrich mich nicht.

   Ob ich, mein Fürst, ob dieser heiße Kopf

   Den Streit zuerst begonnen? wer es sey,

   Der Unrecht hat? ist eine weite Frage,

   Die wohl zuvörderst noch auf sich beruht.

Tasso.

   Wie das? mich dünkt, das ist die erste Frage,

   Wer von uns beyden Recht und Unrecht hat.

Antonio.

   Nicht ganz, wie sich's der unbegränzte Sinn

   Gedenken mag.

Alphons. Antonio!

Antonio. Gnädigster,

   Ich ehre deinen Wink, doch laß ihn schweigen:

   Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden;

   Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur:

   Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder

   Verklagen, noch mich selbst vertheid'gen, noch

   Ihm jetzt genug zu thun mich anerbiethen.

   Denn wie er steht, ist er kein freyer Mann.

   Es waltet über ihm ein schwer Gesetz,

   Das deine Gnade höchstens lindern wird.

   Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert;

   Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert.

   Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein,

   So stünde jetzt auch ich als pflichtvergessen,

   Mitschuldig und beschämt vor deinem Blick.

Alphons zu Tasso.

   Du hast nicht wohl gethan.

Tasso. Mich spricht, o Herr,

   Mein eigen Herz, gewiß auch deines frey.

   Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte,

   Ich zog. Allein, wie tückisch seine Zunge

   Mit wohlgewählten Worten mich verletzt,

   Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift

   Mir in das Blut geflößt, wie er das Fieber

   Nur mehr und mehr erhitzt — Du denkst es nicht!

   Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten,

   Auf's höchste mich getrieben. O! du kennst,

   Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen!

   Ich trug ihm warm die schönste Freundschaft an;

   Er warf mir meine Gaben vor die Füße;

   Und hätte meine Seele nicht geglüht,

   So war sie deiner Gnade, deines Dienstes

   Auf ewig unwerth. Hab' ich des Gesetzes

   Und dieses Orts vergessen, so verzeih.

   Auf keinem Boden darf ich niedrig seyn,

   Erniedrigung auf keinem Boden dulden.

   Wenn dieses Herz, es sey auch wo es will,

   Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstoße,

   Und laß mich nie dein Auge wiedersehn.

Antonio.

   Wie leicht der Jüngling schwere Lasten trägt

   Und Fehler wie den Staub vom Kleide schüttelt!

   Es wäre zu verwundern, wenn die Zauberkraft

   Der Dichtung nicht bekannter wäre, die

   Mit dem Unmöglichen so gern ihr Spiel

   Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fürst,

   Ob alle deine Diener diese That

   So unbedeutend halten, zweifl' ich fast.

   Die Majestät verbreitet ihren Schutz

   Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit

   Und ihrer unverletzten Wohnung naht.

   Wie an dem Fuße des Altars, bezähmt

   Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft.

   Da blinkt kein Schwert, da fällt kein drohend Wort,

   Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache.

   Es bleibt das weite Feld ein offner Raum

   Für Grimm und Unversöhnlichkeit genug.

   Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn.

   Hier diese Mauern haben deine Väter

   Auf Sicherheit gegründet, ihrer Würde

   Ein Heiligthum befestigt, diese Ruhe

   Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten;

   Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen.

   Da war kein Ansehn der Person, es hielt

   Die Milde nicht den Arm des Rechts zurück;

   Und selbst der Frevler fühlte sich geschreckt.

   Nun sehen wir nach langem schönem Frieden

   In das Gebieth der Sitten rohe Wuth

   Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide,

   Bestrafe! denn wer kann in seiner Pflicht

   Beschränkten Gränzen wandeln, schützet ihn

   Nicht das Gesetz und seines Fürsten Kraft?

Alphons.

   Mehr als ihr beyde sagt und sagen könnt,

   Läßt unparteyisch das Gemüth mich hören.

   Ihr hättet schöner eure Pflicht gethan,

   Wenn ich dieß Urtheil nicht zu sprechen hätte.

   Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt.

   Wenn dich Antonio beleidigt hat,

   So hat er dir auf irgend eine Weise

   Genugzuthun, wie du es fordern wirst.

   Mir wär' es lieb, ihr wähltet mich zum Austrag.

   Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso,

   Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe:

   So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen.

   Verlaß uns, Tasso! bleib' auf deinem Zimmer,

   Von dir und mit dir selbst allein bewacht.

Tasso.

   Ist dieß, o Fürst, dein richterlicher Spruch?

Antonio.

   Erkennest du des Vaters Milde nicht?

Tasso zu Antonio.

   Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden.

Zu Alphons.

   O Fürst, es übergibt dein ernstes Wort

   Mich Freyen der Gefangenschaft. Es sey!

   Du hältst es Recht. Dein heilig Wort verehrend,

   Heiß ich mein innres Herz im tiefsten schweigen.

   Es ist mir neu, so neu, daß ich fast dich

   Und mich und diesen schönen Ort nicht kenne.

   Doch diesen kenn' ich wohl — Gehorchen will ich,

   Ob ich gleich hier noch manches sagen könnte,

   Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe.

   War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint,

   Ich bin als ein Verbrecher angesehn.

   Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.

Alphons.

   Du nimmst es höher, Tasso, als ich selbst.

Tasso.

   Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist;

   Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind;

   Ich meine fast, ich müßt' es denken können.

   Auf einmal winkt mich eine Klarheit an,

   Doch augenblicklich schließt sich's wieder zu,

   Ich höre nur mein Urtheil, beuge mich.

   Das sind zu viel vergebne Worte schon!

   Gewöhne dich von nun an zu gehorchen;

   Ohnmächt'ger! du vergaßest wo du standst;

   Der Götter Saal schien dir auf gleicher Erde,

   Nun überwältigt dich der jähe Fall,

   Gehorche gern, denn es geziemt dem Manne,

   Auch willig das Beschwerliche zu thun.

   Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst,

   Als ich dem Cardinal nach Frankreich folgte,

   Ich führe ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande,

   Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe

   Entäußr' ich mich mit tief gerührtem Herzen.

Alphons.

   Wie ich zu dir gesinnt bin fühlst du nicht.

Tasso.

   Gehorchen ist mein Loos und nicht zu denken!

   Und leider eines herrlichern Geschenks

   Verläugnung fordert das Geschick von mir.

   Die Krone kleidet den Gefangnen nicht:

   Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde,

   Die für die Ewigkeit gegönnt mir schien.

   Zu früh war mir das schönste Glück verliehen,

   Und wird, als hätt' ich sein mich überhoben,

   Mir nur zu bald geraubt.

   Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte

   Und was kein Gott zum zweytenmale gibt.

   Wir Menschen werden wunderbar geprüft;

   Wir könnten's nicht ertragen, hätt' uns nicht

   Den holden Leichtsinn die Natur verliehn.

   Mit unschätzbaren Gütern lehret uns

   Verschwenderisch die Noth gelassen spielen:

   Wir öffnen willig unsre Hände, daß

   Unwiederbringlich uns ein Gut entschlüpfe:

   Mit diesem Kuß vereint sich eine Thräne,

   Und weiht dich der Vergänglichkeit! es ist

   Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwäche!

   Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche

   Vor der Zerstörung selbst nicht sicher ist?

   Geselle dich zu diesem Degen, der

   Dich leider nicht erwarb, um ihn geschlungen

   Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf

   Dem Grabe meines Glücks und meiner Hoffnung!

   Hier leg' ich beyde willig dir zu Füßen;

   Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zürnst?

   Und wer geschmückt, o Herr, den du verkennst?

   Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.

Auf des Fürsten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf und trägt ihn weg.

Fünfter Auftritt

Alphons. Antonio.

Antonio.

   Wo schwärmt der Knabe hin? Mit welchen Farben

   Mahlt er sich seinen Werth und sein Geschick?

   Beschränkt und unerfahren hält die Jugend

   Sich für ein einzig auserwähltes Wesen,

   Und alles über alle sich erlaubt.

   Er fühle sich gestraft, und strafen heißt

   Dem Jüngling wohlthun, daß der Mann uns danke.

Alphons.

   Er ist gestraft, ich fürchte, nur zu viel.

Antonio.

   Wenn du gelind mit ihm verfahren magst,

   So gib, o Fürst, ihm seine Freyheit wieder,

   Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert.

Alphons.

   Wenn es die Meinung fordert, mag es seyn.

   Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereitzt?

Antonio.

   Ich wüßte kaum zu sagen, wie's geschah.

   Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekränkt,

   Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt.

   Und seinen Lippen ist im größten Zorne

   Kein sittenloses Wort entflohn.

Alphons. So schien

   Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,

   Bekräftigt deine Rede mir noch mehr.

   Wenn Männer sich entzweyen, hält man billig

   Den Klügsten für den Schuldigen. Du solltest

   Mit ihm nicht zürnen; ihn zu leiten stünde

   Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:

   Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwänge.

   So lang' mir Friede bleibt, so lange wünsch' ich

   In meinem Haus ihn zu genießen. Stelle

   Die Ruhe wieder her, du kannst es leicht.

   Lenore Sanvitale mag ihn erst

   Mit zarter Lippe zu besänft'gen suchen:

   Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen

   Die volle Freyheit wieder, und gewinne

   Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun.

   Verrichte das, so bald du immer kannst;

   Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen.

   Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen,

   Und dir ist nichts unmöglich, wenn du willst.

   Wir bleiben lieber eine Stunde länger,

   Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,

   Was du begannst; und kehren wir zurück,

   So haben sie von diesem raschen Eindruck

   Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,

   Du willst nicht aus der Übung kommen! Du

   Hast Ein Geschäft kaum erst vollendet, nun

   Kehrst du zurück und schaffst dir gleich ein neues.

   Ich hoffe, daß auch dieses dir gelingt.

Antonio.

   Ich bin beschämt, und seh' in deinen Worten,

   Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld!

   Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,

   Der überzeugt, indem er uns gebiethet.

Dritter Aufzug

Erster Auftritt

Prinzessinn allein.

   Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher

   Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge

   Das tiefste Herz. Kaum weiß ich was geschah,

   Kaum weiß ich wer von beyden schuldig ist.

   O daß sie käme! Möcht' ich doch nicht gern

   Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,

   Eh' ich gefaßter bin, eh' ich vernommen,

   Wie alles steht und was es werden kann.

Zweiter Auftritt

Prinzessinn. Leonore.

Prinzessinn.

   Was bringst du, Leonore? sag mir an:

   Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah?

Leonore.

   Mehr als wir wissen hab' ich nicht erfahren.

   Sie trafen hart zusammen, Tasso zog,

   Dein Bruder trennte sie: allein es scheint,

   Als habe Tasso diesen Streit begonnen.

   Antonio geht frey umher und spricht

   Mit seinem Fürsten, Tasso bleibt dagegen

   Verbannt in seinem Zimmer und allein.

Prinzessinn.

   Gewiß hat ihn Antonio gereitzt,

   Den Hochgestimmten kalt und fremd beleidigt.

Leonore.

   Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand,

   Schon als er zu uns trat, um seine Stirn.

Prinzessinn.

   Ach daß wir doch dem reinen stillen Wink

   Des Herzens nachzugehn so sehr verlernen!

   Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,

   Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,

   Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.

   Antonio erschien mir heute früh

   Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.

   Es warnte mich mein Geist, als neben ihn

   Sich Tasso stellte. Sieh das Äußre nur

   Von beyden an, das Angesicht, den Ton,

   Den Blick, den Tritt! es widerstrebt sich alles,

   Sie können ewig keine Liebe wechseln.

   Doch überredete die Hoffnung mich,

   Die Gleisnerinn, sie sind vernünftig beyde,

   Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;

   Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?

   Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz;

   Wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir!

   O hätt' ich gleich Antonio gesprochen!

   Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;

   Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten

   Und dringend ihm den Jüngling zu empfehlen,

   Verließ auf Sitte mich und Höflichkeit,

   Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt

   Selbst zwischen Feinde legt; befürchtete

   Von dem geprüften Manne diese Jähe

   Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn.

   Das Übel stand mir fern, nun ist es da.

   O gib mir einen Rath! was ist zu thun?

Leonore.

   Wie schwer zu rathen sey, das fühlst du selbst

   Nach dem was du gesagt. Es ist nicht hier

   Ein Mißverständniß zwischen Gleichgestimmten;

   Das stellen Worte, ja im Nothfall stellen

   Es Waffen leicht und glücklich wieder her.

   Zwey Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt,

   Die darum Feinde sind, weil die Natur

   Nicht Einen Mann aus ihnen beyden formte.

   Und wären sie zu ihrem Vortheil klug,

   So würden sie als Freunde sich verbinden;

   Dann stünden sie für Einen Mann, und gingen

   Mit Macht und Glück und Lust durch's Leben hin.

   So hofft' ich selbst, nun seh' ich wohl umsonst.

   Der Zwist von heute, sey er wie er sey,

   Ist beyzulegen; doch das sichert uns

   Nicht für die Zukunft, für den Morgen nicht.

   Es wär' am besten, dächt' ich, Tasso reis'te

   Auf eine Zeit von hier; er könnte ja

   Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort

   Träf' ich in wenig Wochen ihn, und könnte

   Auf sein Gemüth als eine Freundinn wirken.

   Du würdest hier indessen den Antonio,

   Der uns so fremd geworden, dir auf's neue

   Und deinen Freunden näher bringen; so

   Gewährte das, was itzt unmöglich scheint,

   Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.

Prinzessinn.

   Du willst dich in Genuß, o Freundinn, setzen,

   Ich soll entbehren; heißt das billig seyn?

Leonore.

   Entbehren wirst du nichts, als was du doch

   In diesem Falle nicht genießen könntest.

Prinzessinn.

   So ruhig soll ich einen Freund verbannen?

Leonore.

   Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.

Prinzessinn.

   Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.

Leonore.

   Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.

Prinzessinn.

   Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.

Leonore.

   Und dennoch rettest du den Freund in dir.

Prinzessinn.

   Ich gebe nicht mein Ja, daß es geschehe.

Leonore.

   So warte noch ein größres Übel ab.

Prinzessinn.

   Du peinigst mich, und weißt nicht ob du nützest.

Leonore.

   Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.

Prinzessinn.

   Und soll es seyn, so frage mich nicht länger.

Leonore.

   Wer sich entschließen kann, besiegt den Schmerz.

Prinzessinn.

   Entschlossen bin ich nicht, allein es sey,

   Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt -

   Und laß uns für ihn sorgen, Leonore,

   Daß er nicht etwa künftig Mangel leide,

   Daß ihm der Herzog seinen Unterhalt

   Auch in der Ferne willig reichen lasse.

   Sprich mit Antonio, denn er vermag

   Bey meinem Bruder viel, und wird den Streit

   Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.

Leonore.

   Ein Wort von dir, Prinzessinn, gälte mehr.

Prinzessinn.

   Ich kann, du weißt es, meine Freundinn, nicht

   Wie's meine Schwester von Urbino kann,

   Für mich und für die Meinen was erbitten.

   Ich lebe gern so stille vor mich hin,

   Und nehme von dem Bruder dankbar an,

   Was er mir immer geben kann und will.

   Ich habe sonst darüber manchen Vorwurf

   Mir selbst gemacht, nun hab' ich überwunden.

   Es schalt mich eine Freundinn oft darum:

   Du bist uneigennützig, sagte sie,

   Das ist recht schön; allein du bist's so sehr,

   Daß du auch das Bedürfniß deiner Freunde

   Nicht recht empfinden kannst. Ich laß es gehn,

   Und muß denn eben diesen Vorwurf tragen.

   Um desto mehr erfreut es mich, daß ich

   Nun in der That dem Freunde nützen kann;

   Es fällt mir meiner Mutter Erbschaft zu,

   Und gerne will ich für ihn sorgen helfen.

Leonore.

   Und ich, o Fürstinn, finde mich im Falle,

   Daß ich als Freundinn auch mich zeigen kann.

   Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt,

   Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen.

Prinzessinn.

   So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,

   Vor allen andern sey er dir gegönnt!

   Ich seh' es wohl, so wird es besser seyn.

   Muß ich denn wieder diesen Schmerz als gut

   Und heilsam preisen? Das war mein Geschick

   Von Jugend auf, ich bin nun dran gewöhnt.

   Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks,

   Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten.

Leonore.

   Ich hoffe, dich so schön du es verdienst

   Glücklich zu sehn!

Prinzessinn. Eleonore! Glücklich?

   Wer ist denn glücklich? — Meinen Bruder zwar

   Möcht' ich so nennen, denn sein großes Herz

   Trägt sein Geschick mit immer gleichem Muth;

   Allein was er verdient, das ward ihm nie.

   Ist meine Schwester von Urbino glücklich?

   Das schöne Weib, das edle große Herz!

   Sie bringt dem jüngern Manne keine Kinder;

   Er achtet sie, und läßt sie's nicht entgelten,

   Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.

   Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?

   Die Kenntniß jeder Art, ihr großer Sinn?

   Konnt' er sie vor dem fremden Irrthum schützen?

   Man nahm uns von ihr weg; nun ist sie todt,

   Sie ließ uns Kindern nicht den Trost, daß sie

   Mit ihrem Gott versöhnt gestorben sey.

Leonore.

   O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt,

   Betrachte, was noch einem jeden bleibt!

   Was bleibt nicht Dir, Prinzessinn?

Prinzessinn. Was mir bleibt?

   Geduld, Eleonore! Üben konnt' ich die

   Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister

   Bey Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,

   Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,

   Und in Gesellschaft mancher Leiden mußt'

   Ich früh entbehren lernen. Eines war,

   Was in der Einsamkeit mich schön ergetzte,

   Die Freude des Gesangs; ich unterhielt

   Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht

   Und jeden Wunsch mit leisen Tönen ein.

   Da wurde Leiden oft Genuß, und selbst

   Das traurige Gefühl zur Harmonie.

   Nicht lang' war mir dieß Glück gegönnt, auch dieses

   Nahm mir der Arzt hinweg; sein streng Geboth

   Hieß mich verstummen; leben sollt' ich, leiden,

   Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren.

Leonore.

   So viele Freunde fanden sich zu dir,

   Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.

Prinzessinn.

   Ich bin gesund, das heißt, ich bin nicht krank;

   Und manche Freunde hab' ich, deren Treue

   Mich glücklich macht. Auch hatt' ich einen Freund —

Leonore.

   Du hast ihn noch.

Prinzessinn. Und werd' ihn bald verlieren.

   Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,

   War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich

   Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren

   Kaum erst gewichen: still bescheiden blickt' ich

   In's Leben wieder, freute mich des Tags

   Und der Geschwister wieder, sog beherzt

   Der süßen Hoffnung reinsten Balsam ein.

   Ich wagt' es vorwärts in das Leben weiter

   Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten

   Begegneten mir aus der Ferne. Da,

   Eleonore, stellte mir den Jüngling

   Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,

   Und, daß ich dir's gestehe, da ergriff

   Ihn mein Gemüth und wird ihn ewig halten.

Leonore.

   O meine Fürstinn, laß dich's nicht gereuen!

   Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,

   Der nimmer uns entrissen werden kann.

Prinzessinn.

   Zu fürchten ist das Schöne das Fürtreffliche,

   Wie eine Flamme, die so herrlich nützt,

   So lange sie auf deinem Herde brennt,

   So lang' sie dir von einer Fackel leuchtet,

   Wie hold! wer mag, wer kann sie da entbehren?

   Und frißt sie ungehütet um sich her,

   Wie elend kann sie machen! Laß mich nun.

   Ich bin geschwätzig, und verbärge besser

   Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.

Leonore.

   Die Krankheit des Gemüthes löset sich

   In Klagen und Vertraun am leicht'sten auf

Prinzessinn.

   Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald;

   Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir.

   Ach, meine Freundinn! Zwar ich bin entschlossen,

   Er scheide nur! allein ich fühle schon

   Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn

   Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.

   Die Sonne hebt von meinen Augenliedern

   Nicht mehr sein schön verklärtes Traumbild auf,

   Die Hoffnung ihn zu sehen füllt nicht mehr

   Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht;

   Mein erster Blick hinab in unsre Gärten

   Sucht ihn vergebens in dem Thau der Schatten.

   Wie schön befriedigt fühlte sich der Wunsch

   Mit ihm zu seyn an jedem heitern Abend!

   Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen

   Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn,

   Und täglich stimmte das Gemüth sich schöner

   Zu immer reinern Harmonien auf.

   Welch eine Dämmrung fällt nun vor mir ein!

   Der Sonne Pracht, das fröhliche Gefühl

   Des hohen Tags, der tausendfachen Welt

   Glanzreiche Gegenwart, ist öd' und tief

   Im Nebel eingehüllt, der mich umgibt.

   Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;

   Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte,

   Und glücklich eingeschifft trug uns der Strom

   Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:

   Nun überfällt in trüber Gegenwart

   Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.

Leonore.

   Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder,

   Und bringt dir neue Freude, neues Glück.

Prinzessinn.

   Was ich besitze, mag ich gern bewahren:

   Der Wechsel unterhält, doch nutzt er kaum.

   Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie

   Begierig in den Loostopf fremder Welt,

   Für mein bedürfend unerfahren Herz

   Zufällig einen Gegenstand zu haschen.

   Ihn mußt' ich ehren, darum liebt' ich ihn;

   Ich mußt' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben

   Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt;

   Erst sagt' ich mir, entferne dich von ihm!

   Ich wich und wich und kam nur immer näher,

   So lieblich angelockt, so hart bestraft!

   Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,

   Und meiner Sehnsucht schiebt ein böser Geist

   Statt Freud' und Glück verwandte Schmerzen unter.

Leonore.

   Wenn einer Freundinn Wort nicht trösten kann;

   So wird die stille Kraft der schönen Welt,

   Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.

Prinzessinn.

   Wohl ist sie schön die Welt! in ihrer Weite

   Bewegt sich so viel Gutes hin und her.

   Ach daß es immer nur um Einen Schritt

   Von uns sich zu entfernen scheint,

   Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben

   Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!

   So selten ist es, daß die Menschen finden,

   Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,

   So selten, daß sie das erhalten, was

   Auch einmal die beglückte Hand ergriff!

   Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,

   Wir lassen los, was wir begierig faßten.

   Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht:

   Wir kennen's wohl, und wissen's nicht zu schätzen.

Dritter Auftritt

Leonore allein.

   Wie jammert mich das edle, schöne Herz!

   Welch traurig Loos, das ihrer Hoheit fällt!

   Ach sie verliert — und denkst du zu gewinnen?

   Ist's denn so nöthig, daß er sich entfernt?

   Machst du es nöthig, um allein für dich

   Das Herz und die Talente zu besitzen,

   Die du bisher mit einer andern theilst

   Und ungleich theilst? Ist's redlich so zu handeln?

   Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?

   Gemahl und Sohn und Güter, Rang und Schönheit,

   Das hast du alles, und du willst noch ihn

   Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?

   Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr

   Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.

   Wie reitzend ist's, in seinem schönen Geiste

   Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glück

   Nicht doppelt groß und herrlich, wenn sein Lied

   Uns wie auf Himmels-Wolken trägt und hebt?

   Dann bist du erst beneidenswerth! Du bist,

   Du hast das nicht allein, was viele wünschen,

   Es weiß, es kennt auch jeder, was du hast!

   Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,

   Das ist der höchste Gipfel jedes Glücks.

   Ist Laura denn allein der Name, der

   Von allen zarten Lippen klingen soll?

   Und hatte nur Petrarch allein das Recht,

   Die unbekannte Schöne zu vergöttern?

   Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich

   Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,

   So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.

   Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens

   Ihn an der Seite haben! so mit ihm

   Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!

   Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts

   Auf dich, und nichts der freche Ruf.

   Der hin und her des Beyfalls Woge treibt:

   Das was vergänglich ist, bewahrt sein Lied.

   Du bist noch schön, noch glücklich, wenn schon lange

   Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.

   Du mußt ihn haben, und ihr nimmst du nichts:

   Denn ihre Neigung zu dem werthen Manne

   Ist ihren andern Leidenschaften gleich.

   Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds

   Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht;

   Sie wärmen nicht, und gießen keine Lust

   Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen,

   Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn glücklich weiß,

   Wie sie genoß, wenn sie ihn täglich sah.

   Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht

   Von ihr und diesem Hofe mich verbannen;

   Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder.

   So soll es seyn! — Hier kommt der rauhe Freund;

   Wir wollen sehn, ob wir ihn zähmen können.

Vierter Auftritt

Leonore. Antonio.

Leonore.

   Du bringst uns Krieg statt Frieden; scheint es doch,

   Du kommst ans einem Lager, einer Schlacht,

   Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,

   Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit

   Die Hände segnend hebt, und eine Welt

   Zu ihren Füßen sieht, die gern gehorcht.

Antonio.

   Ich muß den Tadel, schöne Freundinn, dulden,

   Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon.

   Es ist gefährlich, wenn man allzu lang'</p>

   Sich klug und mäßig zeigen muß. Es lauert

   Der böse Genius dir an der Seite,

   Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit

   Ein Opfer haben. Leider hab' ich's dießmal

   Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.

Leonore.

   Du hast um fremde Menschen dich so lang'

   Bemüht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:

   Nun, da du deine Freunde wieder siehst,

   Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden.

Antonio.

   Da liegt, geliebte Freundinn, die Gefahr!

   Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,

   Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck

   In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen.

   Allein bey Freunden läßt man frey sich gehn,

   Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt

   Sich eine Laune, ungezähmter wirkt

   Die Leidenschaft, und so verletzen wir

   Am ersten die, die wir am zärtsten lieben.

Leonore.

   In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich

   Schon ganz, mein theurer Freund, mit Freuden wieder.

Antonio.

   Ja, mich verdrießt — und ich bekenn' es gern -

   Daß ich mich heut so ohne Maß verlor.

   Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann

   Mit heißer Stirn von saurer Arbeit kommt,

   Und spät am Abend in ersehnten Schatten

   Zu neuer Mühe auszuruhen denkt,

   Und findet dann von einem Müßiggänger

   Den Schatten breit besessen, soll er nicht

   Auch etwas menschlich's in dem Busen fühlen?

Leonore.

   Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch

   Den Schatten gern mit einem Manne theilen,

   Der ihm die Ruhe süß, die Arbeit leicht

   Durch ein Gespräch, durch holde Töne macht.

   Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,

   Und keiner braucht den andern zu verdrängen.

Antonio.

   Wir wollen uns, Eleonore, nicht

   Mit einem Gleichniß hin und wieder spielen.

   Gar viele Dinge sind in dieser Welt,

   Die man dem andern gönnt und gerne theilt;

   Jedoch es ist ein Schatz, den man allein

   Dem Hochverdienten gerne gönnen mag,

   Ein andrer, den man mit dem Höchstverdienten

   Mit gutem Willen niemals theilen wird -

   Und fragst du mich nach diesen beyden Schätzen;

   Der Lorber ist es und die Gunst der Frauen.

Leonore.

   Hat jener Kranz um unsers Jünglings Haupt

   Den ernsten Mann beleidigt? Hättest du

   Für seine Mühe, seine schöne Dichtung

   Bescheid'nern Lohn doch selbst nicht finden können.

   Denn ein Verdienst, das außerirdisch ist,

   Das in den Lüften schwebt, in Tönen nur,

   In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,

   Es wird denn auch mit einem schönen Bilde,

   Mit einem holden Zeichen nur belohnt;

   Und wenn er selbst die Erde kaum berührt,

   Berührt der höchste Lohn ihm kaum das Haupt.

   Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,

   Das der Verehrer unfruchtbare Neigung

   Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld

   Aufs leicht'ste sich entlade. Du mißgönnst

   Dem Bild des Märtyrers den goldnen Schein

   Um's kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiß,

   Der Lorberkranz ist, wo er dir erscheint,

   Ein Zeichen mehr des Leidens als des Glücks.

Antonio.

   Will etwa mich dein liebenswürd'ger Mund

   Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?

Leonore.

   Ein jedes Gut nach seinem Werth zu schätzen,

   Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch,

   Es scheint von Zeit zu Zeit bedarf der Weise,

   So sehr wie andre, daß man ihm die Güter,

   Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.

   Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom

   Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.

   Der Dienst, mit dem du deinem Fürsten dich,

   Mit dem du deine Freunde dir verbindest,

   Ist wirkend, ist lebendig, und so muß

   Der Lohn auch wirklich und lebendig seyn.

   Dein Lorber ist das fürstliche Vertraun,

   Das auf den Schultern dir, als liebe Last,

   Gehäuft und leicht getragen ruht; es ist

   Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.

Antonio.

   Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts,

   Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?

Leonore.

   Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht,

   Und leichter wäre sie dir zu entbehren,

   Als sie es jenem guten Mann nicht ist.

   Denn sag', geläng' es einer Frau, wenn sie

   Nach ihrer Art für dich zu sorgen dächte,

   Mit dir sich zu beschäft'gen unternähme?

   Bey dir ist alles Ordnung, Sicherheit;

   Du sorgst für dich, wie du für andre sorgst,

   Du hast, was man dir geben möchte. Jener

   Beschäftigt uns in unserm eignen Fache.

   Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die

   Zu schaffen eine Frau sich gern bemüht.

   Das schönste Leinenzeug, ein seiden Kleid

   Mit etwas Stickerey, das trägt er gern.

   Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann

   Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,

   An seinem Leib nicht dulden, alles soll

   Ihm fein und gut und schön und edel stehn.

   Und dennoch hat er kein Geschick, das alles

   Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,

   Sich zu erhalten; immer fehlt es ihm

   An Geld, an Sorgsamkeit, bald läßt er da

   Ein Stück, bald eines dort. Er kehret nie

   Von einer Reise wieder, daß ihm nicht

   Ein Drittheil seiner Sachen fehle. Bald

   Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,

   Hat man für ihn das ganze Jahr zu sorgen.

Antonio.

   Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.

   Glücksel'ger Jüngling, dem man seine Mängel

   Zur Tugend rechnet, dem so schön vergönnt ist,

   Den Knaben noch als Mann zu spielen, der

   Sich seiner holden Schwäche rühmen darf!

   Du müßtest mir verzeihen, schöne Freundinn,

   Wenn ich auch hier ein wenig bitter würde.

   Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,

   Und daß er klüger ist, als wie man denkt.

   Er rühmt sich zweyer Flammen! knüpft und lös't

   Die Knoten hin und wieder, und gewinnt

   Mit solchen Künsten solche Herzen! Ist's

   Zu glauben?

Leonore. Gut! Selbst das beweis't ja schon,

   Daß es nur Freundschaft ist, was uns belebt.

   Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten,

   Belohnten wir das schöne Herz nicht billig,

   Das ganz sich selbst vergißt, und hingegeben

   Im holden Traum für seine Freunde lebt?

Antonio.

   Verwöhnt ihn nur und immer mehr und mehr,

   Laßt seine Selbstigkeit für Liebe gelten,

   Beleidigt alle Freunde, die sich euch

   Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen

   Freywilligen Tribut, zerstöret ganz

   Den schönen Kreis geselligen Vertrauns!

Leonore.

   Wir sind nicht so parteyisch wie du glaubst,

   Ermahnen unsern Freund in manchen Fällen;

   Wir wünschen ihn zu bilden, daß er mehr

   Sich selbst genieße, mehr sich zu genießen

   Den andern geben könne. Was an ihm

   Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.

Antonio.

   Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln wäre.

   Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen,

   Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald

   Versinkt er in sich selbst, als wäre ganz

   Die Welt in seinem Busen, er sich ganz

   In seiner Welt genug, und alles rings

   Umher verschwindet ihm. Er läßt es gehn,

   Läßt's fallen, stößt's hinweg und ruht in sich -

   Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke

   Die Mine zündet, sey es Freude, Leid,

   Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:

   Dann will er Alles fassen, Alles halten,

   Dann soll geschehn, was er sich denken mag',

   In einem Augenblicke soll entstehn,

   Was Jahre lang bereitet werden sollte,

   In einem Augenblick gehoben seyn,

   Was Mühe kaum in Jahren lösen könnte.

   Er fordert das Unmögliche von sich,

   Damit er es von andern fordern dürfe.

   Die letzten Enden aller Dinge will

   Sein Geist zusammen fassen; das gelingt

   Kaum Einem unter Millionen Menschen,

   Und er ist nicht der Mann: er fällt zuletzt,

   Um nichts gebessert, in sich selbst zurück.

Leonore.

   Er schadet andern nicht, er schadet sich.

Antonio.

   Und doch verletzt er andre nur zu sehr.

   Kannst du es läugnen, daß im Augenblick

   Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,

   Er auf den Fürsten, auf die Fürstinn selbst,

   Auf wen es sey, zu schmähn, zu lästern wagt?

   Zwar augenblicklich nur, allein genug

   Der Augenblick kommt wieder: er beherrscht

   So wenig seinen Mund als seine Brust.

Leonore.

   Ich sollte denken, wenn er sich von hier

   Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt,

   Es wohl für ihn und andre nützlich seyn.

Antonio.

   Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt

   Ist nicht daran zu denken. Denn ich will

   Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;

   Es könnte scheinen, daß ich ihn vertreibe,

   Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen

   Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;

   Und wenn er sich mit mir versöhnen will,

   Und wenn er meinen Rath befolgen kann,

   So werden wir ganz leidlich leben können.

Leonore.

   Nun hoffst du selbst auf ein Gemüth zu wirken,

   Das dir vor kurzem noch verloren schien.

Antonio.

   Wir hoffen immer, und in allen Dingen

   Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn

   Wer kann das Mögliche berechnen? Er

   Ist unserm Fürsten werth. Er muß uns bleiben.

   Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,

   So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden.

Leonore.

   So ohne Leidenschaft, so unparteyisch

   Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.

Antonio.

   Das Alter muß doch Einen Vorzug haben,

   Daß, wenn es auch dem Irrthum nicht entgeht,

   Es doch sich auf der Stelle fassen kann.

   Du warst, mich deinem Freunde zu versöhnen,

   Zuerst bemüht. Nun bitt' ich es von dir.

   Thu' was du kannst, daß dieser Mann sich finde,

   Und alles wieder bald im Gleichen sey.

   Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur

   Von dir erfahre, daß er ruhig ist,

   So bald du glaubst, daß meine Gegenwart

   Das Übel nicht vermehrt. Doch was du thust,

   Das thu' in dieser Stunde; denn es geht

   Alphons heut' Abend noch zurück, und ich

   Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl.

Fünfter Auftritt

Leonore allein.

   Für dießmal, lieber Freund, sind wir nicht eins,

   Mein Vortheil und der deine gehen heut

   Nicht Hand in Hand. Ich nütze diese Zeit

   Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell!

Vierter Aufzug

Erster Auftritt

Zimmer.

Tasso allein.

   Bist du aus einem Traum erwacht, und hat

   Der schöne Trug auf einmal dich verlassen?

   Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust

   Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun

   Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,

   Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin,

   Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten?

   Die Tage, wo dein Geist mit freyer Sehnsucht

   Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?

   Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an,

   Du fühlst dich an, und weißt nicht ob du lebst.

   Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,

   Daß ich mich nun als schuldig hier befinde?

   Hab, ich verbrochen, daß ich leiden soll?

   Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?

   Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,

   Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt:

   Der sey ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt.

   Ich ging mit off'nen Armen auf ihn los,

   Und fühlte Schloß und Riegel, keine Brust.

   O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,

   Wie ich den Mann empfangen wollte, der

   Von alten Zeiten mir verdächtig war!

   Allein was immer dir begegnet sey,

   So halte dich an der Gewißheit fest:

   Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!

   Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!

   Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,

   Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht

   Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück,

   Und hob mein Geist sich da zu schnell empor,

   Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen

   Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,

   So kann mich's nicht gereun, und wäre selbst

   Auf ewig das Geschick des Lebens hin.

   Ich widmete mich ihr, und folgte froh

   Dem Winke, der mich in's Verderben rief.

   Es sey! So hab' ich mich doch werth gezeigt

   Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt,

   In dieser Stunde selbst erquickt, die mir

   Die schwarze Pforte langer Trauerzeit

   Gewaltsam öffnet. — Ja, nun ist's gethan!

   Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst

   Auf einmal unter; seinen holden Blick

   Entziehet mir der Fürst, und läßt mich hier

   Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn.

   Das häßliche zweydeutige Geflügel,

   Das leidige Gefolg' der alten Nacht,

   Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt.

   Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt?

   Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaußt,

   Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?

Zweiter Auftritt

Leonore. Tasso.

Leonore.

   Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat

   Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben?

   Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestürzt.

   Und deine Sanftmuth, dein gefällig Wesen,

   Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand,

   Mit dem du jedem gibst was ihm gehört,

   Dein Gleichmuth, der erträgt, was zu ertragen

   Der Edle bald, der Eitle selten lernt,

   Die kluge Herrschaft über Zung' und Lippe? -

   Mein theurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich.

Tasso.

   Und wenn das alles nun verloren wäre?

   Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt,

   Auf einmal du als einen Bettler fändest?

   Wohl hast du recht, ich bin nicht mehr ich selbst,

   Und bin's doch noch so gut als wie ich's war.

   Es scheint ein Räthsel, und doch ist es keins.

   Der stille Mond, der dich bey Nacht erfreut,

   Dein Auge, dein Gemüth mit seinem Schein

   Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage

   Ein unbedeutend blasses Wölkchen hin.

   Ich bin vom Glanz des Tages überschienen,

   Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr.

Leonore.

   Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht

   Wie du es sagst. Erkläre dich mit mir.

   Hat die Beleidigung des schroffen Mann's

   Dich so gekränkt, daß du dich selbst und uns

   So ganz verkennen magst? Vertraue mir.

Tasso.

   Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst

   Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe.

   Die Knoten vieler Worte lös't das Schwert

   Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen.

   Du weißt wohl kaum — erschrick nicht, zarte Freundinn -

   Du triffst den Freund in einem Kerker an.

   Mich züchtiget der Fürst wie einen Schüler.

   Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht.

Leonore.

   Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt.

Tasso.

   Hältst du mich für so schwach, für so ein Kind,

   Daß solch ein Fall mich gleich zerrütten könne?

   Das was geschehn ist, kränkt mich nicht so tief,

   Allein das kränkt mich, was es mir bedeutet.

   Laß meine Neider meine Feinde nur

   Gewähren! Frey und offen ist das Feld.

Leonore.

   Du hast gar manchen fälschlich in Verdacht,

   Ich habe selbst mich überzeugen können.

   Und auch Antonio feindet dich nicht an,

   Wie du es wähnst. Der heutige Verdruß —

Tasso.

   Den laß ich ganz bey Seite, nehme nur

   Antonio wie er war und wie er bleibt.

   Verdrießlich fiel mir stets die steife Klugheit,

   Und daß er immer nur den Meister spielt.

   Anstatt zu forschen, ob des Hörers Geist

   Nicht schon für sich auf guten Spuren wandle,

   Belehrt er dich von manchem, das du besser

   Und tiefer fühltest, und vernimmt kein Wort,

   Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen.

   Verkannt zu seyn, verkannt von einem Stolzen,

   Der lächelnd dich zu übersehen glaubt!

   Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug,

   Daß ich nur duldend gegenlächeln sollte.

   Früh oder spat, es konnte sich nicht halten,

   Wir mußten brechen; später wär' es nur,

   Um desto schlimmer worden. Einen Herrn

   Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernährt,

   Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister.

   Frey will ich seyn im Denken und im Dichten,

   Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.

Leonore.

   Er spricht mit Achtung oft genug von dir.

Tasso.

   Mit Schonung willst du sagen, fein und klug.

   Und das verdrießt mich eben; denn er weiß

   So glatt und so bedingt zu sprechen, daß

   Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und daß

   Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt, als Lob

   Aus seinem Munde.

Leonore. Möchtest du, mein Freund

   Vernommen haben, wie er sonst von dir

   Und dem Talente sprach, das dir vor vielen

   Die gütige Natur verlieh. Er fühlt gewiß,

   Das was du bist und hast, und schätzt es auch.

Tasso.

   O glaube mir, ein selbstisches Gemüth

   Kann nicht der Qual des engen Neid's entfliehen.

   Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl

   Vermögen, Stand und Ehre; denn er denkt,

   Das hast du selbst, das hast du wenn du willst,

   Wenn du beharrst, wenn dich das Glück begünstigt.

   Doch das, was die Natur allein verleiht,

   Was jeglicher Bemühung, jedem Streben

   Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold,

   Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit

   Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn.

   Er gönnt es mir? Er, der mit steifem Sinn

   Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt?

   Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter

   Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint?

   Weit eher gönnt er mir des Fürsten Gunst,

   Die er doch gern auf sich beschränken möchte,

   Als das Talent, das jene Himmlischen

   Dem armen, dem verwais'ten Jüngling gaben.

Leonore.

   O sähest du so klar, wie ich es sehe!

   Du irrst dich über ihn, so ist er nicht.

Tasso.

   Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern!

   Ich denk' ihn mir als meinen ärgsten Feind,

   Und wär' untröstlich, wenn ich mir ihn nun

   Gelinder denken müßte. Thöricht ist's

   In allen Stücken billig seyn; es heißt

   Sein eigen Selbst zerstören. Sind die Menschen

   Denn gegen uns so billig? Nein, o nein!

   Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen

   Der doppelten Empfindung, Lieb' und Haß.

   Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tag's?

   Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muß

   Von nun an diesen Mann als Gegenstand,

   Von meinem tiefsten Haß behalten; nichts

   Kann mir die Lust entreißen schlimm und schlimmer

   Von ihm zu denken.

Leonore. Willst du, theurer Freund

   Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum,

   Wie du am Hofe länger bleiben willst.

   Du weißt, wie viel er gilt und gelten muß.

Tasso.

   Wie sehr ich lang', o schöne Freundinn, hier

   Schon überflüssig bin, das weiß ich wohl.

Leonore.

   Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden!

   Du weißt vielmehr, wie gern der Fürst mit dir,

   Wie gern die Fürstinn mit dir lebt; und kommt

   Die Schwester von Urbino, kommt sie fast

   So sehr um dein't- als der Geschwister willen.

   Sie denken alle gut und gleich von dir,

   Und jegliches vertraut dir unbedingt.

Tasso.

   O Leonore, welch Vertraun ist das?

   Hat er von seinem Staate je ein Wort,

   Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam

   Ein eigner Fall, worüber er sogar

   In meiner Gegenwart mit seiner Schwester,

   Mit andern sich berieth, mich fragt' er nie.

   Da hieß es immer nur: Antonio kommt!

   Man muß Antonio schreiben! fragt Antonio!

Leonore.

   Du klagst anstatt zu danken. Wenn er dich

   In unbedingter Freyheit lassen mag,

   So ehrt er dich, wie er dich ehren kann.

Tasso.

   Er läßt mich ruhn, weil er mich unnütz glaubt.

Leonore.

   Du bist nicht unnütz, eben weil du ruhst.

   So lange hegst du schon Verdruß und Sorge,

   Wie ein geliebtes Kind, an deiner Brust.

   Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken

   Wie ich es will, auf diesem schönen Boden,

   Wohin das Glück dich zu verpflanzen schien,

   Gedeihst du nicht. O Tasso! — rath' ich dir's?

   Sprech' ich es aus? — Du solltest dich entfernen!

Tasso.

   Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt!

   Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran,

   Ob's bitter sey. — Ob er geneßen könne,

   Das überlege wohl, o kluge, gute Freundinn!

   Ich seh' es alles selbst, es ist vorbey!

   Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir;

   Und sein bedarf man, leider! meiner nicht.

   Und er ist klug, und leider! bin ich's nicht.

   Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann,

   Ich mag nicht gegenwirken. Meine Freunde

   Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an,

   Sie widerstreben kaum, und sollten kämpfen.

   Du glaubst, ich soll hinweg, ich glaub' es selbst -

   So lebt denn wohl! ich werd' auch das ertragen.

   Ihr seyd von mir geschieden — werd' auch mir

   Von euch zu scheiden, Kraft und Muth verliehn!

Leonore.

   Ach in der Ferne zeigt sich alles reiner,

   Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.

   Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe

   Dich überall umgab, und welchen Werth

   Die Treue wahrer Freunde hat, und wie

   Die weite Welt die Nächsten nicht ersetzt.

Tasso.

   Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch

   Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht

   Uns hülflos, einsam läßt, und ihren Weg

   Wie Sonn' und Mond und andre Götter geht.

Leonore.

   Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie

   Die traurige Erfahrung wiederhohlen.

   Soll ich dir rathen, so begibst du dich

   Erst nach Florenz, und eine Freundinn wird

   Gar freundlich für dich sorgen. Sey getrost,

   Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl

   Die nächsten Tage dort zu finden, kann

   Nichts freudiger für ihn und mich bereiten,

   Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe.

   Ich sage dir kein Wort, du weißt es selbst,

   Welch einem Fürsten du dich nahen wirst,

   Und welche Männer diese schöne Stadt

   In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.

   Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschließe dich.

Tasso.

   Gar reitzend ist, was du mir sagst, so ganz

   Dem Wunsch gemäß, den ich im Stillen nähre;

   Allein es ist zu neu: ich bitte dich

   Laß mich bedenken, ich beschließe bald.

Leonore.

   Ich gehe mit der schönsten Hoffnung weg

   Für dich und uns und auch für dieses Haus.

   Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst,

   So wirst du schwerlich etwas bessers denken.

Tasso.

   Noch eins, geliebte Freundinn! sage mir,

   Wie ist die Fürstinn gegen mich gesinnt?

   War sie erzürnt auf mich? Was sagte sie? -

   Sie hat mich sehr getadelt? Rede frey.

Leonore.

   Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt.

Tasso.

   Hab' ich bey ihr verloren? schmeichle nicht.

Leonore.

   Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.

Tasso.

   Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe?

Leonore.

   Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiß.

Tasso.

   Werd' ich des Fürsten Gnade nicht verlieren?

Leonore.

   In seiner Großmuth kannst du sicher ruhn.

Tasso.

   Und lassen wir die Fürstinn ganz allein?

   Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin,

   So weiß ich doch, daß ich ihr etwas war.

Leonore.

   Gar freundliche Gesellschaft leistet uns

   Ein ferner Freund, wenn wir ihn glücklich wissen.

   Und es gelingt, ich sehe dich beglückt,

   Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn.

   Der Fürst befahl's, Antonio sucht dich auf.

   Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit,

   Womit er dich verletzt. Ich bitte dich,

   Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt.

Tasso.

   Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn.

Leonore.

   Und schenke mir der Himmel, lieber Freund,

   Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu öffnen:

   Daß niemand dich im ganzen Vaterlande

   Verfolgt und haßt, und heimlich druckt und neckt!

   Du irrst gewiß, und wie du sonst zur Freude

   Von andern dichtest, leider dichtest du

   In diesem Fall ein seltenes Gewebe,

   Dich selbst zu kränken. Alles will ich thun,

   Um es entzwey zu reißen, daß du frey

   Den schönen Weg des Lebens wandeln mögest.

   Leb' wohl! Ich hoffe bald ein glücklich Wort.

Dritter Auftritt

Tasso allein.

   Ich soll erkennen, daß mich niemand haßt.

   Daß niemand mich verfolgt, daß alle List

   Und alles heimliche Gewebe sich

   Allein in meinem Kopfe spinnt und webt!

   Bekennen soll ich, daß ich unrecht habe,

   Und manchem unrecht thue, der es nicht

   Um mich verdient! Und das in einer Stunde,

   Da vor dem Angesicht der Sonne klar

   Mein volles Recht, wie ihre Tücke, liegt!

   Ich soll es tief empfinden, wie der Fürst

   Mit offner Brust mir seine Gunst gewährt,

   Mit reichem Maß die Gaben mir ertheilt,

   Im Augenblicke, da er, schwach genug,

   Von meinen Feinden sich das Auge trüben

   Und seine Hand gewiß auch fesseln läßt!

   Daß er betrogen ist, kann er nicht sehen,

   Daß sie Betrüger sind, kann ich nicht zeigen,

   Und nur damit er ruhig sich betrüge,

   Daß sie gemächlich ihn betrügen können,

   Soll ich mich stille halten, weichen gar!

   Und wer gibt mir den Rath? Wer dringt so klug

   Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein?

   Lenore selbst, Lenore Sanvitale,

   Die zarte Freundinn! Ha, dich kenn' ich nun!

   O warum traut' ich ihrer Lippe je!

   Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr

   Mir ihre Gunst, mir ihre Zärtlichkeit

   Mit süßen Worten zeigte! Nein, sie war

   Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich

   Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst.

   Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen,

   Auch über sie; und doch im Grunde hat

   Mich nur — die Eitelkeit betrogen. Wohl!

   Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst.

   So ist sie gegen andre, sagt' ich mir,

   Doch gegen dich ist's offne treue Meinung.

   Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spät:

   Ich war begünstigt, und sie schmiegte sich

   So zart — an den Beglückten. Nun ich falle,

   Sie wendet mir den Rücken wie das Glück.

   Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes,

   Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge,

   Die kleine Schlange, zauberische Töne.

   Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je!

   Wie wohl that von der Lippe jedes Wort!

   Doch konnte mir die Schmeicheley nicht lang'

   Den falschen Sinn verbergen; an der Stirne

   Schien ihr das Gegentheil zu klar geschrieben

   Von allem was sie sprach. Ich fühl' es leicht,

   Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht

   Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg?

   Soll nach Florenz, sobald ich immer kann?

   Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl.

   Dort herrscht der Mediceer neues Haus,

   Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara,

   Doch hält der stille Neid mit kalter Hand,

   Die edelsten Gemüther aus einander.

   Empfang' ich dort von jenen edlen Fürsten

   Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich

   Gewiß erwarten dürfte, würde bald

   Der Höfling meine Treu' und Dankbarkeit

   Verdächtig machen. Leicht geläng' es ihm.

   Ja, ich will weg, allein nicht wie ihr wollt;

   Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt.

   Was soll ich hier? Wer hält mich hier zurück?

   O ich verstund ein jedes Wort zu gut,

   Das ich Lenoren von den Lippen lockte!

   Von Sylb' zu Sylbe nur erhascht' ich's kaum,

   Und weiß nun ganz wie die Prinzessinn denkt -

   Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht!

   «Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe,

   Da es zu meinem Wohl gereicht. «O! fühlte

   Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl

   Und mich zu Grunde richtete! Willkommner

   Ergriffe mich der Tod, als diese Hand,

   Die kalt und starr mich von sich läßt. — Ich gehe! -

   Nun hüte dich, und laß dich keinen Schein

   Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand

   Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst.

Vierter Auftritt

Antonio. Tasso.

Antonio.

   Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen,

   Wenn du mich ruhig hören magst und kannst.

Tasso.

   Das Handeln, weißt du, bleibt mir untersagt,

   Es ziemt mir wohl zu warten und zu hören.

Antonio.

   Ich treffe dich gelassen, wie ich wünschte,

   Und spreche gern zu dir aus freyer Brust.

   Zuvörderst lös' ich in des Fürsten Namen

   Das schwache Band, das dich zu fesseln schien.

Tasso.

   Die Willkür macht mich frey, wie sie mich band;

   Ich nehm' es an und fordre kein Gericht.

Antonio.

   Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich

   Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekränkt,

   Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt,

   Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort

   Ist meinen Lippen unbedacht entflohen;

   Zu rächen hast du nichts als Edelmann,

   Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen.

Tasso.

   Was härter treffe, Kränkung oder Schimpf,

   Will ich nicht untersuchen; jene dringt

   In's tiefe Mark, und dieser reitzt die Haut.

   Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurück,

   Der zu verwunden glaubt, die Meinung andrer

   Befriedigt leicht das wohl geführte Schwert -

   Doch ein gekränktes Herz erhohlt sich schwer.

Antonio.

   Jetzt ist's an mir, daß ich dir dringend sage:

   Tritt nicht zurück, erfülle meinen Wunsch,

   Den Wunsch des Fürsten, der mich zu dir sendet.

Tasso.

   Ich kenne meine Pflicht und gebe nach.

   Es sey verziehn, so fern es möglich ist!

   Die Dichter sagen uns von einem Speer,

   Der eine Wunde, die er selbst geschlagen,

   Durch freundliche Berührung heilen konnte.

   Es hat des Menschen Zunge diese Kraft;

   Ich will ihr nicht gehässig widerstehn.

Antonio.

   Ich danke dir, und wünsche, daß du mich

   Und meinen Willen dir zu dienen gleich

   Vertraulich prüfen mögest. Sage mir,

   Kann ich dir nützlich seyn? Ich zeig' es gern:

Tasso.

   Du biethest an was ich nur wünschen konnte.

   Du brachtest mir die Freyheit wieder, nun

   Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch.

Antonio.

   Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an.

Tasso.

   Du weißt, geendet hab' ich mein Gedicht;

   Es fehlt noch viel, daß es vollendet wäre.

   Heut überreicht' ich es dem Fürsten, hoffte

   Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen.

   Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt

   In Rom versammelt; einzeln haben sie

   Mir über manche Stellen ihre Meinung

   In Briefen schon eröffnet; vieles hab' ich

   Benutzen können, manches scheint mir noch

   Zu überlegen; und verschiedne Stellen

   Möcht' ich nicht gern verändern, wenn man mich

   Nicht mehr, als es geschehn ist, überzeugt.

   Das alles wird durch Briefe nicht gethan;

   Die Gegenwart lös't diese Knoten bald.

   So dacht' ich heut den Fürsten selbst zu bitten:

   Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen,

   Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich.

Antonio.

   Mir scheint nicht räthlich, daß du dich entfernst

   In dem Moment, da dein vollendet Werk

   Dem Fürsten und der Fürstinn dich empfiehlt.

   Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernde;

   Man muß geschäftig seyn, sobald sie reift.

   Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen,

   Vielleicht verlieren, was du schon gewannst.

   Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttinn;

   Lern' ihren Einfluß kennen, bleibe hier!

Tasso.

   Zu fürchten hab' ich nichts; Alphons ist edel,

   Stets hat er gegen mich sich groß gezeigt:

   Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen

   Allein verdanken, keine Gnade mir

   Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen,

   Was ihn gereuen könnte daß er's gab.

Antonio.

   So fordre nicht von ihm, daß er dich jetzt

   Entlassen soll; er wird es ungern thun,

   Und ich befürchte fast, er thut es nicht.

Tasso.

   Er wird es gern, wenn recht gebethen wird,

   Und du vermagst es wohl, sobald du willst.

Antonio.

   Doch welche Gründe, sag' mir, leg' ich vor?

Tasso.

   Laß mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen:

   Was ich gewollt ist löblich, wenn das Ziel

   Auch meinen Kräften unerreichbar blieb.

   An Fleiß und Mühe hat es nicht gefehlt.

   Der heitre Wandel mancher schönen Tage,

   Der stille Raum so mancher tiefen Nächte,

   War einzig diesem frommen Lied geweiht.

   Bescheiden hofft' ich jenen großen Meistern

   Der Vorwelt mich zu nahen; kühn gesinnt

   Zu edlen Thaten unsern Zeitgenossen

   Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann

   Vielleicht mit einem edlen Christen-Heere,

   Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu theilen.

   Und soll mein Lied die besten Männer wecken,

   So muß es auch der besten würdig seyn.

   Alphonsen bin ich schuldig was ich that,

   Nun möcht' ich ihm auch die Vollendung danken.

Antonio.

   Und eben dieser Fürst ist hier, mit andern,

   Die dich so gut als Römer leiten können.

   Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz,

   Und um zu wirken eile dann nach Rom.

Tasso.

   Alphons hat mich zuerst begeistert, wird

   Gewiß der letzte seyn, der mich belehrt.

   Und deinen Rath, den Rath der klugen Männer,

   Die unser Hof versammelt, schätz' ich hoch.

   Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom

   Die Freunde nicht vollkommen überzeugen.

   Doch diese muß ich sehn. Gonzaga hat

   Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst

   Mich stellen muß. Ich kann es kaum erwarten.

   Flaminio de' Nobili, Angelio

   Da Barga, Antoniano, und Speron Speroni!

   Du wirst sie kennen. — Welche Namen sind's!

   Vertraun und Sorge flößen sie zugleich

   In meinen Geist, der gern sich unterwirft.

Antonio.

   Du denkst nur dich und denkst den Fürsten nicht.

   Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen;

   Und wenn er's thut, entläßt er dich nicht gern.

   Du willst ja nicht verlangen, was er dir

   Nicht gern gewähren mag. Und soll ich hier

   Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann?

Tasso.

   Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich

   Die angebothne Freundschaft prüfen will?

Antonio.

   Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen

   Zur rechten Zeit, und es gewährt die Liebe

   Gar oft ein schädlich Gut, wenn sie den Willen

   Des Fordernden mehr als sein Glück bedenkt.

   Du scheinest mir in diesem Augenblick

   Für gut zu halten, was du eifrig wünschest,

   Und willst im Augenblick, was du begehrst.

   Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende,

   Was ihm an Wahrheit und an Kräften fehlt.

   Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann

   Die Hast zu mäß'gen, die dich übel treibt.

Tasso.

   Schon lange kenn' ich diese Tyranney

   Der Freundschaft, die von allen Tyranneyen

   Die unerträglichste mir scheint. Du denkst

   Nur anders, und du glaubst deswegen

   Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an,

   Du willst mein Wohl; allein verlange nicht,

   Daß ich auf deinem Weg es finden soll.

Antonio.

   Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut,

   Mit voller, klarer Überzeugung schaden?

Tasso.

   Von dieser Sorge will ich dich befreyn!

   Du hältst mich nicht mit diesen Worten ab.

   Du hast mich frey erklärt, und diese Thüre

   Steht mir nun offen, die zum Fürsten führt.

   Ich lasse dir die Wahl. Du oder ich!

   Der Fürst geht fort. Hier ist kein Augenblick

   Zu harren. Wähle schnell! Wenn du nicht gehst,

   So geh' ich selbst, und werd' es wie es will.

Antonio.

   Laß mich nur wenig Zeit von dir erlangen,

   Und warte nur des Fürsten Rückkehr ab!

   Nur heute nicht!

Tasso. Nein, diese Stunde noch,

   Wenn's möglich ist! Es brennen mir die Sohlen

   Auf diesem Marmorboden; eher kann

   Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub

   Des freyen Wegs mich Eilenden umgibt.

   Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt

   In diesem Augenblick ich sey mit meinem Herrn

   Zu reden; siehst — wie kann ich das verbergen -

   Daß ich mir selbst in diesem Augenblick,

   Mir keine Macht der Welt gebiethen kann.

   Nur Fesseln sind es, die mich halten können!

   Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frey.

   Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst!

   Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur

   Laßt mich in Freyheit, daß mein Geist sich finde!

   Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurück.

Antonio.

   Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich thun?

   Ich merke wohl, es steckt der Irrthum an.

Tasso.

   Soll ich dir glauben, denkst du gut für mich,

   So wirke was ich wünsche, was du kannst.

   Der Fürst entläßt mich dann, und ich verliere

   Nicht seine Gnade, seine Hülfe nicht.

   Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken;

   Doch hegst du einen alten Groll im Busen,

   Willst du von diesem Hofe mich verbannen,

   Willst du auf ewig mein Geschick verkehren,

   Mich hülflos in die weite Welt vertreiben,

   So bleib' auf deinem Sinn und widersteh!

Antonio.

   Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll,

   So wähl' ich denn den Weg, den du erwählst.

   Der Ausgang mag entscheiden wer sich irrt!

   Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor,

   Du wendest diesem Hause kaum den Rücken,

   So wird dein Herz zurück verlangen, wird

   Dein Eigensinn dich vorwärts treiben: Schmerz,

   Verwirrung, Trübsinn harr't in Rom auf dich,

   Und du verfehlest hier und dort den Zweck.

   Doch sag' ich dieß nicht mehr, um dir zu rathen;

   Ich sage nur voraus, was bald geschieht,

   Und lade dich auch schon im voraus ein,

   Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun.

   Ich spreche nun den Fürsten, wie du's forderst.

Fünfter Auftritt

Tasso allein.

   Ja gehe nur, und gehe sicher weg,

   Daß du mich überredest was du willst.

   Ich lerne mich verstellen, denn du bist

   Ein großer Meister und ich fasse leicht.

   So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja

   Zu seyn wie jene, die wir kühn und stolz

   Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun

   Die ganze Kunst des höfischen Gewebes!

   Mich will Antonio von hinnen treiben,

   Und will nicht scheinen, daß er mich vertreibt.

   Er spielt den Schonenden, den Klugen, daß

   Man nur recht krank und ungeschickt mich finde,

   Bestellet sich zum Vormund, daß er mich

   Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht

   Nicht zwingen konnte. So umnebelt er

   Die Stirn des Fürsten und der Fürstinn Blick.

   Man soll mich halten, meint er; habe doch

   Ein schön Verdienst mir die Natur geschenkt,

   Doch leider habe sie mit manchen Schwächen

   Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet,

   Mit ungebundnem Stolz, mit übertriebner

   Empfindlichkeit und eignem düstern Sinn.

   Es sey nicht anders, einmal habe nun

   Den Einen Mann das Schicksal so gebildet,

   Nun müsse man ihn nehmen wie er sey,

   Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm

   Was Freude bringen kann am guten Tage

   Als unerwarteten Gewinst genießen,

   Im übrigen, wie er geboren sey,

   So müsse man ihn leben, sterben lassen.

   Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn?

   Der Feinden trotzt und Freunde treulich schützt,

   Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet?

   Ja wohl erkenn' ich ganz mein Unglück nun!

   Das ist mein Schicksal, daß nur gegen mich

   Sich jeglicher verändert, der für andre fest

   Und treu und sicher bleibt, sich leicht verändert

   Durch einen Hauch, in einem Augenblick.

   Hat nicht die Ankunft dieses Mann's allein

   Mein ganz Geschick zerstört, in Einer Stunde?

   Nicht dieser das Gebäude meines Glücks

   Von seinem tiefsten Grund aus umgestürzt?

   O muß ich das erfahren? Muß ich's heut?

   Ja, wie sich alles zu mir drängte, läßt

   Mich alles nun; wie jeder mich an sich

   Zu reißen strebte, jeder mich zu fassen,

   So stößt mich alles weg und meidet mich.

   Und das warum? Und wiegt denn er allein

   Die Schale meines Werths und aller Liebe,

   Die ich so reichlich sonst besessen, auf?

   Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!

   Geliebte Fürstinn, du entziehst dich mir.

   In diesen trüben Stunden hat sie mir

   Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt.

   Hab' ich's um sie verdient? — Du armes Herz,

   Dem so natürlich war sie zu verehren! -

   Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang

   Ein unaussprechliches Gefühl die Brust!

   Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht

   Des Tag's mir trüb'; unwiderstehlich zog

   Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie

   Erhielt sich kaum, und aller Kraft

   Des Geist's bedurft' ich, aufrecht mich zu halten,

   Vor ihre Füße nicht zu fallen, kaum

   Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun.

   Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn,

   Laß hier dich nicht umnebeln! Ja auch Sie!

   Darf ich es sagen? und ich glaub' es kaum,

   Ich glaub' es wohl, und möcht' es mir verschweigen.

   Auch Sie! auch Sie! Entschuldige sie ganz,

   Allein verbirg' dir's nicht: auch Sie! auch Sie!

   O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte,

   So lang' ein Hauch von Glauben in mir lebt,

   Ja, dieses Wort, es gräbt sich, wie ein Schluß

   Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande

   Der vollgeschriebnen Qualentafel, ein.

   Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich

   Auf ewig einer jeden Kraft beraubt.

   Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenüber

   Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren,

   Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht?

   Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet?

   Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen,

   Und es ist wahr, eh' du es fürchten konntest!

   Und eh' nun die Verzweiflung deine Sinnen

   Mit ehrnen Klauen aus einander reißt,

   Ja, klage nur das bittre Schicksal an,

   Und wiederhole nur, auch Sie! auch Sie!

Fünfter Aufzug

Erster Auftritt

Garten.

Alphons. Antonio.

Antonio.

   Auf deinen Wink ging ich das zweytemal

   Zu Tasso hin, ich komme von ihm her.

   Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen;

   Allein er geht von seinem Sinn nicht ab,

   Und bittet sehnlich, daß du ihn nach Rom

   Auf eine kurze Zeit entlassen mögest.

Alphons.

   Ich bin verdrießlich, daß ich dir's gestehe,

   Und lieber sag' ich dir, daß ich es bin,

   Als daß ich den Verdruß verberg' und mehre.

   Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht:

   Er will hinweg, er will nach Rom; es sey!

   Nur daß mir Scipio Gonzaga nicht,

   Der kluge Medicis, ihn nicht entwende!

   Das hat Italien so groß gemacht,

   Daß jeder Nachbar mit dem andern streitet,

   Die Bessern zu besitzen, zu benutzen.

   Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst,

   Der die Talente nicht um sich versammelt.

   Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,

   Ist ein Barbar, er sey auch wer er sey.

   Gefunden hab' ich diesen und gewählt,

   Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz,

   Und da ich schon für ihn so viel gethan,

   So möcht' ich ihn nicht ohne Noth verlieren.

Antonio.

   Ich bin verlegen, denn ich trage doch

   Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah;

   Auch will ich meinen Fehler gern gestehn,

   Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn:

   Doch wenn du glauben könntest, daß ich nicht

   Das Mögliche gethan ihn zu versöhnen,

   So würd' ich ganz untröstlich seyn. O! sprich

   Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder

   Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.

Alphons.

   Antonio, nein, da sey nur immer ruhig,

   Ich schreib' es dir auf keine Weise zu;

   Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes,

   Und weiß nur allzu wohl was ich gethan,

   Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz

   Vergessen, daß ich eigentlich an ihm

   Zu fordern hätte. Über vieles kann

   Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn

   Bezwinget kaum die Noth und lange Zeit.

Antonio.

   Wenn andre vieles um den Einen thun;

   So ist's auch billig, daß der Eine wieder

   Sich fleißig frage, was den andern nützt.

   Wer seinen Geist so viel gebildet hat,

   Wer jede Wissenschaft zusammengeitzt,

   Und jede Kenntniß, die uns zu ergreifen

   Erlaubt ist, sollte der sich zu beherrschen

   Nicht doppelt schuldig seyn? Und denkt er dran?

Alphons.

   Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben!

   Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken,

   Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind,

   Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben.

Antonio.

   Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank

   Zu wählen, da ihn die Natur so eng'

   Nicht wie das Thier beschränkt, erfüllt er die?

   Und läßt er nicht vielmehr sich wie ein Kind

   Von allem reitzen, was dem Gaumen schmeichelt?

   Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?

   Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,

   Eins um das andre schlingt er hastig ein,

   Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,

   Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen,

   Er schilt auf die Natur und das Geschick.

   Wie bitter und wie thöricht hab' ich ihn

   Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn;

   Zum Lachen fast, wär' irgend lächerlich

   Was einen Menschen quält und andre plagt.

   «Ich fühle dieses Übel, «sagt er bänglich

   Und voll Verdruß:»Was rühmt ihr eure Kunst?

   «Schafft mir Genesung!«Gut versetzt der Arzt,

   So meidet das und das — »Das kann ich nicht»-

   So nehmet diesen Trank — »O nein! der schmeckt

   «Abscheulich, er empört mir die Natur»-

   So trinkt denn Wasser — »Wasser? nimmermehr!

   «Ich bin so wasserscheu als ein Gebißner — »

   So ist euch nicht zu helfen — »Und warum?»-

   «Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen,

   Und, wenn es euch nicht tödten kann, nur mehr

   Und mehr mit jedem Tag euch quälen — «Schön!

   «Wofür seyd ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel,

   «Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie

   «Auch schmackhaft machen, daß ich nicht noch erst,

   «Der Leiden los zu seyn, recht leiden müsse.»

   Du lächelst selbst und doch ist es gewiß,

   Du hast es wohl aus seinem Mund gehört?

Alphons.

   Ich hab' es oft gehört und oft entschuldigt.

Antonio.

   Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben,

   Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,

   Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.

   Was ist sein Argwohn anders als ein Traum?

   Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich

   Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn,

   Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden,

   Der ihn nicht haßt und bitter ihn verfolgt.

   So hat er oft mit Klagen dich belästigt:

   Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe,

   Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt!

   Du hast es untersuchen lassen, untersucht,

   Und hast du was gefunden? Kaum den Schein.

   Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher,

   Der Busen keines Freundes kann ihn laben.

   Und willst du einem solchen Ruh' und Glück,

   Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen?

Alphons.

   Du hättest Recht, Antonio, wenn in ihm

   Ich meinen nächsten Vortheil suchen wollte!

   Zwar ist es schon mein Vortheil, daß ich nicht

   Den Nutzen g'rad' und unbedingt erwarte.

   Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise;

   Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes

   In seiner Art, so ist er wohl bedient.

   Das haben uns die Medicis gelehrt,

   Das haben uns die Päbste selbst gewiesen.

   Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen

   Geduld und Langmuth trugen diese Männer

   Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade

   Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte!

Antonio.

   Wer weiß es nicht, mein Fürst? Des Lebens Mühe

   Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen.

   So jung hat er zu vieles schon erreicht,

   Als daß genügsam er genießen könnte.

   O sollt' er erst erwerben, was ihm nun

   Mit offnen Händen angebothen wird;

   Er strengte seine Kräfte männlich an,

   Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt.

   Ein armer Edelmann hat schon das Ziel

   Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn

   Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen

   Erwählen will, und ihn der Dürftigkeit

   Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch

   Vertraun und Gunst', und will an seine Seite

   Vor andern ihn erheben, sey's im Krieg,

   Sey's in Geschäften oder im Gespräch;

   So dächt' ich, könnte der bescheidne Mann

   Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren.

   Und Tasso hat zu allem diesem noch

   Das schönste Glück des Jünglings: daß ihn schon

   Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft.

   O glaube mir, sein launisch Mißbehagen

   Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks.

   Er kommt, entlaß ihn gnädig, gib ihm Zeit,

   In Rom und in Neapel, wo er will,

   Das aufzusuchen, was er hier vermißt,

   Und was er hier nur wiederfinden kann.

Alphons.

   Will er zurück erst nach Ferrara gehn?

Antonio.

   Er wünscht in Belriguardo zu verweilen.

   Das nöthigste, was er zur Reise braucht,

   Will er durch einen Freund sich senden lassen.

Alphons.

   Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht

   Mit ihrer Freundinn gleich zurück, und reitend

   Werd' ich vor ihnen noch zu Hause seyn.

   Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt.

   Dem Castellan befiehl das Nöthige,

   Daß er hier auf dem Schlosse bleiben kann,

   So lang' er will, so lang' bis seine Freunde

   Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm

   Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom

   Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl!

Zweiter Auftritt

Alphons. Tasso.

Tasso mit Zurückhaltung.

   Die Gnade, die du mir so oft bewiesen,

   Erscheinet heute mir in vollem Licht.

   Du hast verziehen, was in deiner Nähe

   Ich unbedacht und frevelhaft beging,

   Du hast den Widersacher mir versöhnt,

   Du willst erlauben, daß ich eine Zeit

   Von deiner Seite mich entferne, willst

   Mir deine Gunst großmüthig vorbehalten.

   Ich scheide nun mit völligem Vertraun,

   Und hoffe still, mich soll die kleine Frist

   Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt.

   Es soll mein Geist auf's neue sich erheben,

   Und auf dem Wege, den ich froh und kühn,

   Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat,

   Sich deiner Gunst auf's neue würdig machen.

Alphons.

   Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück,

   Und hoffe, daß du froh und ganz geheilt

   Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann

   Den doppelten Gewinst für jede Stunde,

   Die du uns nun entziehst, vergnügt zurück.

   Ich gebe Briefe dir an meine Leute,

   An Freunde dir nach Rom, und wünsche sehr,

   Daß du dich zu den Meinen überall

   Zutraulich halten mögest, wie ich dich

   Als mein, obgleich entfernt, gewiß betrachte.

Tasso.

   Du überhäufst, o Fürst, mit Gnade den,

   Der sich unwürdig fühlt, und selbst zu danken

   In diesem Augenblicke nicht vermag.

   Anstatt des Danks eröffn' ich eine Bitte!

   Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen.

   Ich habe viel gethan und keine Mühe

   Und keinen Fleiß gespart, allein es bleibt

   Zu viel mir noch zurück. Ich möchte dort,

   Wo noch der Geist der großen Männer schwebt,

   Und wirksam schwebt, dort möcht' ich in die Schule

   Auf's neue mich begeben; würdiger

   Erfreute deines Beyfalls sich mein Lied.

   O gib die Blätter mir zurück, die ich

   Jetzt nur beschämt in deinen Händen weiß.

Alphons.

   Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen,

   Was du mir kaum an diesem Tag gebracht?

   Laß zwischen dich und zwischen dein Gedicht

   Mich als Vermittler treten; hüte dich

   Durch strengen Fleiß die liebliche Natur

   Zu kränken, die in deinen Reimen lebt,

   Und höre nicht auf Rath von allen Seiten!

   Die tausendfältigen Gedanken vieler

   Verschiedner Menschen, die im Leben sich

   Und in der Meinung widersprechen, faßt

   Der Dichter klug in Eins, und scheut sich nicht

   Gar manchem zu mißfallen, daß er manchem

   Um desto mehr gefallen möge. Doch

   Ich sage nicht, daß du nicht hie und da

   Bescheiden deine Feile brauchen solltest;

   Verspreche dir zugleich, in kurzer Zeit

   Erhältst du abgeschrieben dein Gedicht.

   Es bleibt von deiner Hand in meinen Händen,

   Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern

   Mich recht erfreuen möge. Bringst du es

   Vollkommner dann zurück; wir werden uns

   Des höheren Genusses freun, und dich

   Bey mancher Stelle nur als Freunde warnen.

Tasso.

   Ich wiederhohle nur beschämt die Bitte:

   Laß mich die Abschrift eilig haben, ganz

   Ruht mein Gemüth auf diesem Werke nun.

   Nun muß es werden was es werden kann.

Alphons.

   Ich billige den Trieb der dich beseelt!

   Doch, guter Tasso, wenn es möglich wäre,

   So solltest du erst eine kurze Zeit

   Der freyen Welt genießen, dich zerstreuen,

   Dein Blut durch eine Cur verbessern. Dir

   Gewährte dann die schöne Harmonie

   Der hergestellten Sinne, was du nun

   Im trüben Eifer nur vergebens suchst.

Tasso.

   Mein Fürst, so scheint es; doch, ich bin gesund,

   Wenn ich mich meinem Fleiß ergeben kann,

   Und so macht wieder mich der Fleiß gesund.

   Du hast mich lang' gesehn, mir ist nicht wohl

   In freyer Üppigkeit. Mir läßt die Ruh'

   Am mind'sten Ruhe. Dieß Gemüth ist nicht

   Von der Natur bestimmt, ich fühl' es leider,

   Auf weichem Element der Tage froh

   In's weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen.

Alphons.

   Dich führet alles, was du sinnst und treibst,

   Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum

   Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub;

   Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste,

   Und reitzend ist es sich hinab zu stürzen.

   Ich bitte dich, entreiße dich dir selbst!

   Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.

Tasso.

   Ich halte diesen Drang vergebens auf,

   Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt.

   Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,

   So ist das Leben mir kein Leben mehr.

   Verbiethe du dem Seidenwurm zu spinnen,

   Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt.

   Das köstliche Geweb' entwickelt er

   Aus seinem Innersten, und läßt nicht ab,

   Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen.

   O geb' ein guter Gott uns auch dereinst

   Das Schicksal des beneidenswerthen Wurms,

   Im neuen Sonnenthal die Flügel rasch

   Und freudig zu entfalten!

Alphons. Höre mich!

   Du gibst so vielen doppelten Genuß

   Des Lebens, lern', ich bitte dich,

   Den Werth des Lebens kennen, das du noch

   Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl!

   Je eher du zu uns zurücke kehrst,

   Je schöner wirst du uns willkommen seyn.

Dritter Auftritt

Tasso allein.

   So halte fest, mein Herz, so war es recht!

   Es wird dir schwer, es ist das erstemal,

   Daß du dich so verstellen magst und kannst.

   Du hörtest wohl, das war nicht sein Gemüth,

   Das waren seine Worte nicht; mir schien,

   Als klänge nur Antonio's Stimme wieder.

   O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort

   Von allen Seiten hören. Fest, nur fest!

   Um einen Augenblick ist's noch zu thun.

   Wer spät im Leben sich verstellen lernt,

   Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus,

   Es wird schon gehn, nur übe dich mit ihnen.

Nach einer Pause.

   Du triumphirst zu früh, dort kommt sie her!

   Die holde Fürstinn kommt! O welch Gefühl!

   Sie tritt herein, es lös't in meinem Busen

   Verdruß und Argwohn sich in Schmerzen auf

Vierter Auftritt

Prinzessinn. Tasso.

Gegen das Ende des Auftritts Die Übrigen.

Prinzessinn.

   Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst

   Vielmehr in Belriguardo noch zurück,

   Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso?

   Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit.

   Du gehst nach Rom?

Tasso. Ich richte meinen Weg

   Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde

   Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf,

   So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld

   Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht.

   Ich finde viele Männer dort versammelt,

   Die Meister aller Art sich nennen dürfen.

   Und spricht in jener ersten Stadt der Welt

   Nicht jeder Platz nicht jeder Stein zu uns?

   Wie viele tausend stumme Lehrer winken

   In ernster Majestät uns freundlich an!

   Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann

   Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl' ich,

   Mir wird zu keinem Unternehmen Glück!

   Verändern werd' ich es, vollenden nie.

   Ich fühl', ich fühl' es wohl, die große Kunst,

   Die jeden nährt, die den gesunden Geist

   Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten,

   Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort!

   Nach Napel will ich bald!

Prinzessinn. Darfst du es wagen?

   Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben,

   Der dich zugleich mit deinem Vater traf

Tasso.

   Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht.

   Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock

   Des Pilgers oder Schäfers zieh' ich an.

   Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung

   Der Tausende den Einen leicht verbirgt.

   Ich eile nach dem Ufer, finde dort

   Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten,

   Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun

   Nach Hause kehren, Leute von Sorrent;

   Denn ich muß nach Sorrent hinüber eilen.

   Dort wohnet meine Schwester, die mit mir

   Die Schmerzensfreude meiner Eltern war.

   Im Schiffe bin ich still, und trete dann

   Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht

   Den Pfad hinauf, und an dem Thore frag' ich:

   Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an!

   Cornelia Sersale? Freundlich deutet

   Mir eine Spinnerinn die Straße, sie

   Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter.

   Die Kinder laufen nebenher und schauen

   Das wilde Haar, den düstern Fremdling an.

   So komm' ich an die Schwelle. Offen steht

   Die Thüre schon, so tret' ich in das Haus —

Prinzessinn.

   Blick' auf, o Tasso, wenn es möglich ist,

   Erkenne die Gefahr, in der du schwebst!

   Ich schone dich; denn sonst würd' ich dir sagen:

   Ist's edel so zu reden, wie du sprichst?

   Ist's edel nur allein an sich zu denken,

   Als kränktest du der Freunde Herzen nicht?

   Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt?

   Wie beyde Schwestern dich zu schätzen wissen?

   Hast du es nicht empfunden und erkannt?

   Ist alles denn in wenig Augenblicken

   Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst,

   So laß uns Schmerz und Sorge nicht zurück.

Tasso wendet sich weg.

Prinzessinn.

   Wie tröstlich ist es einem Freunde, der

   Auf eine kurze Zeit verreisen will,

   Ein klein Geschenk zu geben, sey es nur

   Ein neuer Mantel, oder eine Waffe!

   Dir kann man nichts mehr geben, denn du wirfst

   Unwillig alles weg, was du besitzest.

   Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel,

   Den langen Stab erwählst du dir, und gehst

   Freywillig arm dahin, und nimmst uns weg,

   Was du mit uns allein genießen konntest.

Tasso.

   So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen?

   O süßes Wort, o schöner, theurer Trost,

   Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf! -

   Laß mich in Belriguardo hier, versetze

   Mich nach Consandoli, wohin du willst!

   Es hat der Fürst so manches schöne Schloß,

   So manchen Garten, der das ganze Jahr

   Gewartet wird, und ihr betretet kaum

   Ihn Einen Tag, vielleicht nur Eine Stunde.

   Ja wählet den entferntsten aus, den ihr

   In ganzen Jahren nicht besuchen geht,

   Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt,

   Dort schickt mich hin! Dort laßt mich euer seyn!

   Wie will ich deine Bäume pflegen! Die Citronen

   Im Herbst mit Bretern und mit Ziegeln decken,

   Und mit verbund'nem Rohre wohl verwahren!

   Es sollen schöne Blumen in den Beeten

   Die breiten Wurzeln schlagen, rein und zierlich

   Soll jeder Gang und jedes Fleckchen seyn.

   Und laßt mir auch die Sorge des Pallastes!

   Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen,

   Daß Feuchtigkeit nicht den Gemählden schade;

   Die schön mit Stuckatur verzierten Wände

   Will ich mit einem leichten Wedel säubern,

   Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen,

   Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken,

   Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!

Prinzessinn.

   Ich finde keinen Rath in meinem Busen,

   Und finde keinen Trost für dich und — uns.

   Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott

   Uns Hülfe reichen möchte? Möchte mir

   Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank,

   Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns.

   Das treuste Wort, das von der Lippe fließt,

   Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr.

   Ich muß dich lassen, und verlassen kann

   Mein Herz dich nicht.

Tasso. Ihr Götter, ist sie's doch,

   Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt?

   Und konntest du das edle Herz verkennen?

   War's möglich, daß in ihrer Gegenwart

   Der Kleinmuth dich ergriff und dich bezwang?

   Nein, nein, du bist's! und nun ich bin es auch.

   O fahre fort, und laß mich jeden Trost

   Aus deinem Munde hören! Deinen Rath

   Entzieh' mir nicht! O sprich: was soll ich thun?

   Damit dein Bruder mir vergeben könne,

   Damit du selbst mir gern vergeben mögest,

   Damit ihr wieder zu den Euren mich

   Mit Freuden zählen möget. Sag' mir an.

Prinzessinn.

   Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen;

   Und dennoch scheint es allzu viel zu seyn.

   Du sollst dich selbst uns freundlich überlassen.

   Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist,

   Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefällst.

   Du machst uns Freude, wenn du Freude hast,

   Und du betrübst uns nur, wenn du sie fliehst;

   Und wenn du uns auch ungeduldig machst,

   So ist es nur, daß wir dir helfen möchten,

   Und, leider! sehn, daß nicht zu helfen ist;

   Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst,

   Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.

Tasso.

   Du bist es selbst, wie du zum erstenmal,

   Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst!

   Verzeih' dem trüben Blick des Sterblichen,

   Wenn er auf Augenblicke dich verkannt.

   Er kennt dich wieder! Ganz eröffnet sich

   Die Seele, nur dich ewig zu verehren.

   Es füllt sich ganz das Herz von Zärtlichkeit -

   Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefühl!

   Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht?

   Ist's Raserey? Ist's ein erhöhter Sinn,

   Der erst die höchste, reinste Wahrheit faßt?

   Ja, es ist das Gefühl, das mich allein

   Auf dieser Erde glücklich machen kann,

   Das mich allein so elend werden ließ,

   Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen

   Es bannen wollte. Diese Leidenschaft

   Gedacht' ich zu bekämpfen; stritt und stritt

   Mit meinem tiefsten Seyn, zerstörte frech

   Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehörst.

Prinzessinn.

   Wenn ich dich, Tasso, länger hören soll,

   So mäßige die Gluth, die mich erschreckt.

Tasso.

   Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,

   Der schäumend wallt und brausend überschwillt?

   Mit jedem Wort' erhöhest du mein Glück,

   Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller.

   Ich fühle mich im innersten verändert,

   Ich fühle mich von aller Noth entladen,

   Frey wie ein Gott, und alles dank' ich dir!

   Unsägliche Gewalt, die mich beherrscht,

   Entfließet deinen Lippen; ja, du machst

   Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mir

   Von meinem ganzen Ich mir künftig an.

   Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht,

   Es schwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr.

   Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir,

   Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.

   Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,

   So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin.

Er fällt ihr in die Arme und drückt sie fest an sich.

Prinzessinn ihn von sich stoßend und hinweg eilend.

   Hinweg!

Leonore die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbey eilend.

   Was ist geschehen? Tasso! Tasso!

Sie geht der Prinzessinn nach.

Tasso im Begriff ihnen zu folgen.

   O Gott!

Alphons der sich schon eine Zeit lang mit Antonio genähert.

   Er kommt von Sinnen, halt ihn fest.

ab.

Fünfter Auftritt

Tasso. Antonio.

Antonio.

   O stünde jetzt, so wie du immer glaubst

   Daß du von Feinden rings umgeben bist,

   Ein Feind bey dir, wie würd' er triumphiren?

   Unglücklicher, noch kaum erhohl' ich mich!

   Wenn ganz was unerwartetes begegnet,

   Wenn unser Blick was ungeheures sieht,

   Steht unser Geist auf eine Weile still,

   Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.

Tasso nach einer langen Pause.

   Vollende nur dein Amt, ich seh' du bist's!

   Ja du verdienst das fürstliche Vertraun;

   Vollende nur dein Amt, und martre mich,

   Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam

   Zu Tode! Ziehe! Zieh' am Pfeile nur,

   Daß ich den Widerhaken grimmig fühle,

   Der mich zerfleischt!

   Du bist ein theures Werkzeug des Tyrannen,

   Sey Kerkermeister, sey der Marterknecht,

   Wie wohl! wie eigen steht dir beydes an!

Gegen die Scene.

   Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich

   Nicht bis zuletzt verstellen, triumphire!

   Du hast den Sclaven wohl gekettet, hast

   Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen:

   Geh' nur, ich hasse dich, ich fühle ganz

   Den Abscheu, den die Übermacht erregt,

   Die frevelhaft und ungerecht ergreift.

Nach einer Pause.

   So seh' ich mich am Ende denn verbannt,

   Verstoßen und verbannt als Bettler hier?

   So hat man mich bekränzt, um mich geschmückt

   Als Opferthier vor den Altar zu führen!

   So lockte man mir noch am letzten Tage

   Mein einzig Eigenthum, mir mein Gedicht

   Mit glatten Worten ab, und hielt es fest!

   Mein einzig Gut ist nun in euren Händen,

   Das mich an jedem Ort empfohlen hätte:

   Das mir noch blieb vom Hunger mich zu retten!

   Jetzt seh' ich wohl, warum ich feyern soll.

   Es ist Verschwörung, und du bist das Haupt.

   Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde,

   Daß nur mein Name sich nicht mehr verbreite,

   Daß meine Neider tausend Schwächen finden,

   Daß man am Ende meiner gar vergesse;

   Drum soll ich mich zum Müßiggang gewöhnen,

   Drum soll ich mich und meine Sinne schonen.

   O werthe Freundschaft, theure Sorglichkeit!

   Abscheulich dacht' ich die Verschwörung mir,

   Die unsichtbar und rastlos mich umspann,

   Allein abscheulicher ist es geworden.

   Und du, Sirene! die du mich so zart,

   So himmlisch angelockt, ich sehe nun

   Dich auf einmal! O Gott, warum so spät?

   Allein wir selbst betrügen uns so gern,

   Und ehren die Verworfnen, die uns ehren.

   Die Menschen kennen sich einander nicht;

   Nur die Galerensclaven kennen sich,

   Die eng' an Eine Bank geschmiedet keuchen;

   Wo keiner was zu fordern hat und keiner

   Was zu verlieren hat, die kennen sich!

   Wo jeder sich für einen Schelmen gibt,

   Und seines Gleichen auch für Schelmen nimmt.

   Doch wir verkennen nur die andern höflich,

   Damit sie wieder uns verkennen sollen.

   Wie lang' verdeckte mir dein heilig Bild

   Die Buhlerinn, die kleine Künste treibt.

   Die Maske fällt, Armiden seh' ich nun

   Entblößt von allen Reitzen — ja, du bist's!

   Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen!

   Und die verschmitzte kleine Mittlerinn!

   Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir!

   Ich höre nun die leisen Tritte rauschen,

   Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich.

   Euch alle kenn' ich! Sey mir das genug!

   Und wenn das Elend alles mir geraubt,

   So preis' ich's doch; die Wahrheit lehrt es mich.

Antonio.

   Ich höre, Tasso, dich mit Staunen an,

   So sehr ich weiß, wie leicht dein rascher Geist

   Von einer Gränze zu der andern schwankt.

   Besinne dich! Gebiethe dieser Wuth!

   Du lästerst, du erlaubst dir Wort auf Wort,

   Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist,

   Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst.

Tasso.

   O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu,

   Laß mich kein kluges Wort von dir vernehme

   Laß mir das dumpfe Glück, damit ich nicht

   Mich erst besinne, dann von Sinnen komme.

   Ich fühle mir das innerste Gebein

   Zerschmettert, und ich leb' um es zu fühlen.

   Verzweiflung faßt mit aller Wuth mich an,

   Und in der Höllenqual, die mich vernichtet,

   Wird Läst'rung nur ein leiser Schmerzenslaut.

   Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist,

   So zeig' es mir, und laß mich gleich von hinnen.

Antonio.

   Ich werde dich in dieser Noth nicht lassen;

   Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht,

   So soll mir's an Geduld gewiß nicht fehlen.

Tasso.

   So muß ich mich dir denn gefangen geben?

   Ich gebe mich, und so ist es gethan;

   Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl -

   Und laß es dann mich schmerzlich wiederhohlen,

   Wie schön es war, was ich mir selbst verscherzte.

   Sie gehn hinweg — O Gott! dort seh' ich schon

   Den Staub, der von den Wagen sich erhebt -

   Die Reiter sind voraus — Dort fahren sie,

   Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher?

   Sie sind hinweg, sie sind erzürnt auf mich.

   O küßt' ich nur noch einmal seine Hand!

   O daß ich nur noch Abschied nehmen könnte!

   Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht!

   Nur noch zu hören: Geh', dir ist verziehn!

   Allein ich hör' es nicht, ich hör' es nie -

   Ich will ja gehn! Laßt mich nur Abschied nehmen,

   Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur

   Auf einen Augenblick die Gegenwart

   Zurück! Vielleicht genes' ich wieder. Nein,

   Ich bin verstoßen, bin verbannt, ich habe

   Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme

   Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht,

   Nicht mehr begegnen —

Antonio.

   Laß eines Mannes Stimme dich erinnern,

   Der neben dir nicht ohne Rührung steht!

   Du bist so elend nicht, als wie du glaubst.

   Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.

Tasso.

   Und bin ich denn so elend wie ich scheine?

   Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige

   Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,

   Als schütterte der Boden, das Gebäude

   In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?

   Ist kein Talent mehr übrig, tausendfältig

   Mich zu zerstreun, zu unterstützen?

   Ist alle Kraft verloschen, die sich sonst

   In meinem Busen regte? Bin ich Nichts,

   Ganz Nichts geworden?

   Nein, es ist alles da, und ich bin nichts;

   Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir!

Antonio.

   Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,

   Vergleiche dich! Erkenne was du bist!

Tasso.

   Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit! -

   Hilft denn kein Beyspiel der Geschichte mehr?

   Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,

   Der mehr gelitten, als ich jemals litt;

   Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?

   Nein, Alles ist dahin! — Nur Eines bleibt:

   Die Thräne hat uns die Natur verliehen,

   Den Schrey des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt

   Es nicht mehr trägt — Und mir noch über alles -

   Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,

   Die tiefste Fülle meiner Noth zu klagen:

   Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,

   Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.

Antonio tritt zu ihm und nimmt ihn bey der Hand.

Tasso.

   O edler Mann! Du stehest fest und still,

   Ich scheine nur die sturmbewegte Welle.

   Allein bedenk', und überhebe nicht

   Dich deiner Kraft! Die mächtige Natur,

   Die diesen Felsen gründete, hat auch

   Der Welle die Beweglichkeit gegeben.

   Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht

   Und schwankt und schwillt und beugt sich schäumend über.

   In dieser Woge spiegelte so schön

   Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne

   An dieser Brust, die zärtlich sich bewegte.

   Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe.

   Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr,

   Und schäme mich nicht mehr es zu bekennen.

   Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht

   Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt

   Der Boden unter meinen Füßen auf!

   Ich fasse dich mit beyden Armen an!

   So klammert sich der Schiffer endlich noch

   Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.

Table of Contents

Johann Wolfgang von Goethe

Personen:

Erster Aufzug

Erster Auftritt

Zweiter Auftritt

Dritter Auftritt

Vierter Auftritt

Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

Zweiter Auftritt

Dritter Auftritt

Vierter Auftritt

Fünfter Auftritt

Dritter Aufzug

Erster Auftritt

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